Von Gerhard Spörl

"Ich bin mein eigener heimlicher Maskenbildner, setze mir ständig neue Masken auf, um mich zu suchen und in einem zu verbergen

Diesen Satz hat Günter Wallraff, damals war er 17 Jahre alt, in sein Tagebuch geschrieben: eine prächtige Fundstelle für jene Interpreten, die sich einen Sinn für den Zusammenhang von Literatur und Psychologie bewahrt haben. Denn der Wallraff von heute tut viel, um davon abzulenken. Statt das Wechselspiel von Verhüllung und Selbstfindung privat fortzusetzen, legt er sich immer wieder Masken an, um alle möglichen Mächtigen in Industrie und Gesellschaft zu entlarven. Daran hat sich der Leser in den letzten zwanzig Jahren gewöhnt, sollte man meinen; daß seine Arbeitsmethode nicht länger wirken könnte, war im übrigen Wallraffs eigener Verdacht. Nichts davon – erst jetzt ist ihm der große Durchbruch geglückt. Und die Ironie liegt darin, daß sich Wallraff in eine gänzlich ungewohnte Rolle einüben muß. Er, weiß Gott kein Literat nach bürgerlichem Vorbild und ebenso wenig ein kühl auf den Publikumsgeschmack zielender Bestseller-Autor, ist zum Erfolgsschriftsteller der Saison geworden.

Wallraffs Erfahrungsbericht über das Leben "Ganz unten" ist vermutlich der größte Bucherfolg der Nachkriegszeit. Vier Monate auf dem Markt, sind knapp zwei Millionen Exemplare davon verkauft. Allein diese Zahl gibt Grund zum Nachdenken. Wallraff hatte sich in den Türken Ali verwandelt, um den deutschen Kapitalisten und ihren Bütteln ins Herz zu schauen. Die Hauptthese seines Buches lautet, daß die einen Deutschen die Gastarbeiter verachten, ja hassen, während die anderen sich gleichgültig abwenden und sich – Tenor: man kennt das aus anderen Zeiten – einzig um sich selber kümmern. Der Widersinn besteht nun darin, daß der durchschlagende Erfolg die Thesen des Buches in Zweifel zieht. So umfassend, wie behauptet, scheint der Türkenhaß auch wieder nicht zu sein.

Gleichwohl zeigt die Wirkung, daß diese Art Aufklärungsliteratur unersetzbar ist. Die Gewerkschaften griffen das Thema prompt auf; die SPD merkte flugs an, sie habe vor Wallraff die Niedertracht der Menschenhändler angeprangert; der Bundesregierung blieb nicht erspart, ihre Meinung zum Buch und zum Fall darzutun; der Thyssen-Konzern, bei dem Ali, der verkleidete gute Deutsche, malocht hatte, erklärte sich rasch bereit, eine Kommission einzurichten zwecks Untersuchung und Verbesserung der Mißstände; die Staatsanwälte, das Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalens, die Gewerbeaufsicht ist auf den Plan getreten. So wuchtig, derart wirkungsvoll hat lange kein Buch eingeschlagen.

Dieses Buch ist überhaupt kein Selbstläufer. Die Vermarktung kann kaum Schritt halten. "Ganz unten" wird hektisch in alle skandinavischen und in mehrere osteuropäische Sprachen übersetzt, ins Holländische, Französische, Spanische, Italienische und ins Englische; eine Notiz ist ferner wert, daß nicht einmal die Albaner abseits stehen wollen. Der Autor von "Ganz unten" ist in jeder Hinsicht ganz oben.

In diesen Tagen präsentierte Wallraff sein Buch landauf, landab, wie es in der Branche Brauch ist. Wo er auftrat, und er schlägt keine Bitte aus, waren selbst die größten Säle brechend voll. Mit "Dichterlesung" sind diese Veranstaltungen unvollkommen beschrieben. Da wird dem Mann gehuldigt, der das Kreuz des Gastarbeiters auf sich nahm; da findet eine Selbstfeier der Guten statt, die ganz genau wissen, daß "da unten" Solidarität und Moralität wohnen, während "dort oben" die großen Konzerne nebst Franz Josef Strauß ihr Unwesen treiben; und vor allem ereignet sich da immer wieder auf bewegende Weise so etwas wie eine Rehabilitation der ansonsten mißachteten, verachteten Türken, die sich endlich verstanden fühlen.