Von Matthias Horx

Gibt es eine Utopie im Ruhrgebiet, eine nachhaltige Antwort auf die Krise? Da schüttelt der Abgeordnete, ganz Realist, den Kopf: "Wir müssen das halten, was wir noch haben." Daß sich so wenig neue Betriebe ansiedeln, sei eine Imagefrage. "wir haben schließlich die beste Schul- und Sozialinfrastruktur, ein Kulturangebot wie nirgends in Deutschland. Im Ruhrgebiet gibt es für jedes Leiden eine Spezialklinik. Das Ruhrgebiet leidet vor allem an seinem Ruf."

Und die Wirklichkeit des Reviers? Vor den Garagen der Stadt werden eisern die Autos geschrubbt, wie für die Ewigkeit gedacht hängen die Wolkenstores vor den Fenstern. Keine postmodernen Baustile, kein schräges, metropolitanes Accessoire, keine schrillen Moden. Die Stadt wirkt nivelliert, nirgendwo spürt man Klassenunterschiede. Keine Boutique prahlt mit hanebüchenen Preisen, die wenigen Villen sind alt und schwarz wie die Bergmannshäuser, sie drücken sich verschämt unter Bäumen in der Nähe des Friedhofes.

Ein stiller Trotz hat die Alltagskultur auf dem Stand der 60er Jahre konserviert, hat eine zähe Langsamkeit gegen die Geschwindigkeit gesetzt, mit der die Region ein Jahrhundert lang explodierte. Ein zaghafter Brückenkopf der 70er Jahre, ein Jugendzentrum, brannte vor drei Jahren ab. Auf der Einkaufsstraße verteilt die "Friedensgruppe Buer" liedersingend Flugzettel, auf denen über Pershings aufgeklärt wird. Noch schreiben wir das Jahr 1985.

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Der Mann sieht einem Bundestagsabgeordneten ähnlich. Fünfzig Jahre mag er alt sein. Sorgfältig harkt er den Kiesweg zwischen den schwarzen Beeten, aus denen noch Lauch und Rosenkohlstrünke ragen. Über der Tür der kleinen Holzhütte prangen Hammer und Schlegel gekreuzt aus Holz. "Glückauf" steht darunter. Eine bleiche Wintersonne bescheint die gleichnamige Laubenkolonie im Gelsenkirchener Norden. 182 Parzellen zwischen 30 und 100 Quadratmetern. Obstbäume, bunt gestrichene Bänke vor den Lauben, Bambis und bisweilen Gartenzwerge.

Der Mann zuckt die Schultern "Besser als auf Arbeit? Besser als stempeln allemal." Er ist 52 Jahre alt, seit 30 Jahren in der Gewerkschaft und seit einem Jahr "von der Arbeit befreit". Die Abfindung, ja, die war in Ordnung. Er hat ja sowieso nicht mehr im Berg gearbeitet, sondern oben, in der Verwaltung. "Gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt", sagt er und hustet. Die Lunge. "Der Pütt hat sie nicht ganz gekriegt."