Der Evangelische Kirchenbund der DDR wählte einen neuen Vorsitzenden: den Thüringer Landesbischof Werner Leich.

Der neue Mann an der Spitze der protestantischen Kirche der DDR wurde vor 59 Jahren in Thüringen geboren. Nach dem Krieg studierte er in Marburg und Heiaelberg Theologie, er wurde 1954 Pfarrer in seiner thüringischen Heimat und 1978 Landesbischof. Leich, im Lutherjahr 1983 Vorsitzender des kirchlichen Lutherkomitees, verstand sich auch in seinen höheren Ämtern immer als Pfarrer, dessen Aufgabe die Verkündung des Evangeliums und die Seelsorge ist.

Ein bequemer Gesprächspartner ist er weder innerhalb der Kirche noch gegenüber den staatlichen Instanzen. Mitglieder der Friedensbewegung in der DDR, die für ihre Aktivitäten den Schutz der Kirche suchten, hatten oft den Eindruck, daß ihnen Leichs thüringische Kirche reservierter gegenüberstand als andere Landeskirchen. Leich wollte offenbar die Spannungen zwischen Staat und Kirche nicht überdehnen. Im Gespräch mit Vertretern von Staat und SED und mit Erich Honecker hat er freilich auch so heikle Themen wie die Wehrdienstverweigerung und die Reise- und Ausreisewünsche von DDR-Bürgern angesprochen.

Nach seiner Wahl sagte Leich, die Kirche in der DDR wolle sich in die Gesellschaft einbringen und weiter mit Vertretern des Staates sprechen: Dazu gehöre auch die offene Erörterung von Widersprüchen. Die Kirche müsse sich für die Schvachen in der Gesellschaft verantwortlich fühlen – das betreffe die Diakonie, aber ebenso die Sorge für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft lebten: Für sie werde die Kirche immer eintreten, „auch dann, wenn wir deren Überzeugung als Kirche nicht zu unserer eigenen Überzeugung machen können‘.

In einem Glückwunschtelegramm an den Bischof Leich erklärte der Staatsratsvorsitzende Honecker, die Beziehungen zwischen Staat und Kirche hätten sich in den vergangenen Jahren positiv und konstruktiv entwickelt. Die Bürger christlichen Glaubens leisteten einen wichtigen Beitrag zum weiteren Gedeihen des Landes.

Joachim Nawrocki (Berlin)