Von Hans Jakob Ginsburg

Auch im putschgewohnten Afrika ist der militärische Sieg einer Rebellenarmee ein seltenes Ereignis. Die Eroberung der ugandischen Hauptstadt Kampala setzte einem korrupten, seit langem versagenden Regime ein Ende. Viele Menschen waren geflohen – nicht vor den neuen Herren, sondern vor den alten, die in den letzten Tagen ihres Regiments noch einmal übel hausten. Soldaten des bislang herrschenden Militärrats plünderten die Geschäfte der Hauptstadt und erschossen wahllos Zivilisten. Schließlich feuerten sie ohne ersichtlichen Grund auf eine Menschenmenge, die der letzten Rede des gescheiterten Armeekommandanten Basilio Okello zuhörte, der seine Leute zum geordneten Rückzug auffordern wollte.

Geordnet aber hatten jene Truppen nie gehandelt. Auf ihrem Abmarsch in den Nordosten des Landes verübten Okellos Soldaten neue Massaker und Brandschatzungen. Statt eine Verteidigungslinie gegen die nachrückenden Sieger aufzubauen, verzettelten sie sich in einer internen Fehde. Mindestens 300 000 Ugander, zwei Prozent der Bevölkerung, starben in den fünf Jahren Bürgerkrieg – die meisten waren zivile Opfer der jetzt besiegten Regierungstruppen. Der Terror der Regierungstruppen forderte Jahr für Jahr ebenso viele Menschenleben, wie zuvor in den siebziger Jahren die Tyrannei des Massenmörders Idi Amin.

Die jetzt gestürzte Soldateska hat das Land derart zugrunde gerichtet, daß ihr Sturz vielen Ugandern auch dann als Segen erscheinen wird, wenn sie den neuen Herren nicht trauen. Immerhin hatten sie den Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen und sich – wie einst Idi Amin – von Libyens Ghaddafi mit Waffen versorgen lassen. In den monatelangen Verhandlungen mit der jetzt gestürzten Armeeclique um den General und Präsidenten Okello zeigten sie keine wirkliche Kompromißbereitschaft – und doch ist der Triumph der „Nationalen Widerstandsarmee“ mehr als der Sieg des geringeren Übels. Uganda hofft auf eine ruhige, glücklichere Zukunft unter dem siegreichen Rebellenführer und neuen Präsidenten Yoweri Museveni.

Auf die in den meisten Staaten längst abgetretenen Generation der Unabhängigkeitskämpfer folgten fast überall zwischen Sahara und Sambesi politisch beschränkte Offiziere oder gesichtslose Proteges der Staatsgründer. Von diesen Staatschefshöflingen aus den Präsidentenpalästen und den Putschisten aus den Offizierskasinos unterscheidet den neuen ugandischen Präsidenten Lebensweg und Charakter. Museveni war Studentenführer in Daressalam, im Nachbarland Tansania, begleitete Freunde aus Moçambique bei ihrem Kampf gegen die portugiesische Kolonialmacht, ließ sich in Nordkorea zum Guerillakämpfer ausbilden – aber nicht zum Marxisten, darauf legt er heute großen Wert – und führte nach der Machtergreifung des Diktators Amin eine kleine von Tansania aus operierende Freischärlergruppe. Den Tyrannen Ugandas diente er nie.

Museveni hielt am Kampf gegen Amin auch fest, als der mörderische Clown vom vorgeblichen Freund des Westens zum Freund Libyens und des Ostblocks wurde. Nach Amins Sturz war Museveni kurze Zeit Verteidigungsminister, bis die alte Politikergarde ihn ausbootete; nach einer erfolglosen Präsidentschaftskandidatur zwang ihn die Polizei des durch Wahlfälschung und Terror ins Präsidentenpalais zurückgekehrten Staatschefs Obote in den Untergrund. Emigration kam nicht in Frage: „Er ist ein Mann, der nie bereit war, Unrecht hinzunehmen – das macht seinen Erfolg aus“, sagt heute eine Verwandte des Präsidenten. Mit sechs Gewehren überfielen Museveni und wenige Getreue 1981 eine Kaserne der Regierungstruppen, Anfang eines Weges, der jetzt mit der Vereidigung des Präsidenten Museveni endete.

Der Bürgerkriegssieger Museveni ist ein afrikanischer Nationalist, ein Bauernsohn aus dem fruchtbaren Land am Viktoriasee, der auf die Selbstheilungskräfte seines Landes und seines Kontinents vertraut. „Wir können weder den tansanischen Sozialismus noch den kenianischen Kapitalismus gebrauchen, um unsere Wirtschaft nach dem Bürgerkrieg wieder auf die Beine zu stellen“, sagte er vor zwei Monaten, als er in der Bundesrepublik um die Sympathie emigrierter Landsleute warb. „Wir müssen unsere eigene, afrikanische Form finden.“ Und auf die drängende Frage des deutschen Zuhörers, ob denn bislang kein einziges der vielen afrikanischen Länder einen halbwegs richtigen politischen Kurs eingeschlagen habe, nannte Museveni zögerd nur ein positives Beispiel: Botswana, das Wüstenland an der Grenze Südafrikas, eines der wenigen afrikanischen Länder mit einem funktionierenden parlamentarischen System nach europäischem Vorbild.

Dergleichen ist in Uganda freilich nicht zu erwarten. Der neue Präsident muß die Wunden des Bürgerkriegs heilen und den Haß zwischen den Volksgruppen schlichten; er muß vor allem dafür sorgen, daß Zehntausende junger Leute, die seit ihrer Kindheit nichts als das wilde Soldatenleben im Bürgerkrieg kannten, den Rückweg in eine friedliche Existenz finden. Daß Musevenis eigene Kämpfer nach übereinstimmendem Urteil aller Beobachter als einzige Beteiligte bislang human und freundlich mit Gegnern und Neutralen umgingen, ist ein gutes Vorzeichen.