Von Siegfried Schober

Trotz des eisigen Ostwindes waren die Premierengäste in Bombenstimmung, als sie gegen neun Uhr abends über das dunkle Gelände der Hamburger Kampnagelfabrik eilten. Auf dem Programm stand „Stammheim“ von Reinhard Hauff und Stefan Aust. Über diesen Film hatte man an diesem Donnerstag in fast allen großen deutschen Zeitungen umfängliche Feuilletonartikel lesen können, die überwiegend seine Qualitäten, seine Redlichkeit, Genauigkeit, seinen Mut und seine Brisanz priesen. In mehr als zwanzig Städten der Bundesrepublik startete „Stammheim“ am nämlichen Tag in ganz normalen Vorstellungen. Auf bedrohlichen Werbepostern, schwarz und rot, prangte es von den Plakatwänden: „Der Prozeß, der Film“. Durch Gitterstäbe starrten die Gesichter von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, Symbolgesichter, die den Schauspielern Therese Affolter und Sabine Wegner gehörten.

Diese beiden sollten dann, nach der Aufführung des Films in der Kampnagelfabrik, in einer Produktion des Hamburger Thalia Theaters zu sehen sein, zusammen mit ihren Filmpartnern Ulrich Tukur, der Andreas Baader spielt, und Hans Kremer, der Jan-Carl Raspe verkörpert. Ein „Epilog“ von George Tabori sollte es sein, der von der letzten Nacht in Stammheim handelt und die nie verstummten Fragen dazu, theaterhaft verfremdet, anpacken wollte.

Mit einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion über „Stammheim zehn Jahre danach – hat sich die Republik verändert?“ sollte der Abend enden. Ein weites Feld, dieses Thema, zu dem sich auch Klaus Bölling äußern wollte, der ehemalige Regierungssprecher und Intimus des damals vom Baader-Meinhof-Terror hart bedrängten Kanzlers Helmut Schmidt. Böllings augenfälligster Kontrahent wäre Michael „Bommi“ Baumann gewesen, ein geläuterter Ehemaliger aus der Baader-Meinhof-Szene. Er war nicht der einzige, der in der Kampnagelfabrik darauf wartete, daß Bölling während dieser Diskussion, die dann nicht stattfand, in die Ecke gedrängt würde. Bölling wußte, daß er sich in die Höhle des Löwen begab. Er wußte, daß er als Buhmann dastehen würde, als rechter Sozialdemokrat, daß man ihn, so Bölling, „sofort als Symbolfigur des Schweinestaates“ ansehen würde. Aber er wollte nicht kneifen. Auf dem Weg zur Kampnagelfabrik saß er in einem VW-Bus mit den anderen Diskussionsteilnehmern zusammen, darunter Professor Iring Fetscher und drei ehemalige RAF-Anwälte.

Bölling kam, wie er mir erzählt, auf das Gelände der Kampnagelfabrik mit einem unguten Gefühl. Er strömte in der Menge der von ihm als „Schickeria“ bezeichneten Zuschauer zum Eingang. Als dann die Demonstranten, zum Teil Bewohner von Abrißhäusern in der Hafenstraße von St. Pauli, durchgebrochen waren und die Zuschauer Angst bekamen, daß die Tribüne zusammenbrechen könnte, war es klar, daß die Veranstaltung geplatzt war. Die Randalierer in schwarzen Lederjacken stellten sich mit verschränkten Armen Bölling entgegen. Er wußte, was das zu bedeuten hatte, wollte aber an den Leuten vorbei. Darauf versetzte ihm einer der Männer einen Faustschlag auf den Backenknochen. Bölling schlug sofort zurück, aber sein Schlag ging ins Leere. Ein zweiter Schlag traf ihn an der Schulter, er wurde von hinten festgehalten, Helfer in der Nähe kämpften ihn frei. Zwei Mädchen, laut Bölling mit haßerfüllten Gesichtern, spuckten ihm ins Gesicht. Bölling meint, mit hochgekrempelten Ärmeln hätte man sich die Randalierer vom Hals schaffen können.

Ob es nach dem Film und George Taboris „Epilog“-Collage wirklich zu einer sinnvollen Diskussion gekommen wäre, ist fraglich. Ein Gastkommentar, den Iring Fetscher am Samstag nach den Vorfällen der Zeitung taz gab, läßt daran zweifeln. Fetscher selbst schreibt etwas zynisch: Die Schläge gegen Bölling hätten diesen aus der viel schwierigeren Lage befreit, sich gegen substantielle kritische Vorwürfe verteidigen zu müssen. Es sei natürlich viel leichter, als Opfer dazustehen, dem ins Gesicht geboxt wurde, als in der Diskussion eine schwache Position vertreten zu müssen. Bölling fühlt sich dadurch auch deshalb getroffen, weil er mit Fetscher in dem VW-Bus zusammensaß. Sie beide hätten, trotz größter Unterschiede in der Beurteilung der Stammheimer Vorgänge, ein sehr angenehmes Gespräch gehabt. Leider müsse man annehmen, so Bölling, daß Fetscher immer noch die Gewalt von Links verklärend sehe.

Auch Stefan Aust steht im Schußfeld einer gewissen linken Presse, die seinem Buch harsche Verrisse widmete. In der taz lautete die Überschrift einer Kritik von Fritz Teufel: „Eine schnelle Mark mit Stammheim.“ Der zweite Verriß in der taz war überschrieben: „Stefan Aust, der Hackwriter und seine Gruselstory.“ Gottfried Ensslin, der Bruder von Gudrun, wirft dem Autor Effekthascherei vor, falsche Authentizität und unterschwellige Häme. Das Buch sei ein Psychodrama, keine politische Auseinandersetzung mit den Widerstandaktionen der RAF. Austs Buch, so Gottfried Ensslin, „darf nicht das Buch über die RAF werden“. Die taz, die vorher einen positiven Bericht über das Buch gebracht hatte, scheint die beiden Verrisse unter dem Druck einer RAFnahen Szene veröffentlicht zu haben.