Luise Rinsers Tagebücher 1982-1985

Von Petra K. Kelly

„Was ist das Leben? Lebe!“

Luise Rinser: „Im Dunkeln singen“, Seite 88

Das Buch von Luise Rinser, meiner Schwester und Weggefährtin in der grünen und in der Friedensbewegung – leidenschaftliche Tagebuchaufzeichnungen in der Sorge und Frieden, Natur und Mensch. Luise Rinser, die viele von uns in der Friedens- und Frauen-Ökologiebewegung liebgewonnen haben, bleibt unermüdlich und unerschrocken in ihrer Auseinandersetzung mit den Menschen und mit den Weltereignissen unserer Tage. Man kann ihr neuestes Buch „Im Dunkeln singen“ an jeder Stelle aufschlagen und wird ermutigt – manchmal auch sehr traurig über ihren Notizen, Reflexionen, über ihre Impressionen und über ihre Gedankenstriche.

Luise Rinser ist und bleibt die Schriftstellerin, Erzählerin, die nicht nur schreibt, sondern handelt, reagiert und agiert. Sie in ihrem neuen Buch zu begleiten auf Reisen in den USA und in der DDR, Reisen zu Friedenskonferenzen in Indien, Friedensfesten, Friedensdemonstrationen, das alles hat bei mir viele wehmütige, manchmal schwermütige und manchmal schöne Erinnerungen wachgerufen. „Im Dunkeln singen“ – das kann Luise Rinser sehr leidenschaftlich und sehr schonungslos, denn sie schont sich selber nicht und spricht aus, was sie denkt und wie sie denkt.

Was bleibt uns anderes übrig, als im Dunkeln singen? Rapide Technologiesprünge machen die jetzigen Waffensysteme noch gefährlicher als sie bisher waren, und das kann man sich eigentlich schon gar nicht mehr ausdenken. In den Entwicklungsländern geraten die politischen Prozesse in zunehmendem Maße unter militärische Kontrolle; Bürgerrechte, soziale und ökonomische Rechte werden immer stärker verletzt. Das Atomwaffenarsenal der Welt entspricht 18 000-20 000 Millionen Tonnen TNT. (Im Zweiten Weltkrieg wurden drei Millionen Tonnen Munition verbraucht, und dadurch starben 40 bis 50 Millionen Menschen), In 24 Ländern liegt der Nahrungsmittelverbrauch um 30 bis 50 Prozent über dem Bedarf, in 25 Ländern um 10 bis 30 Prozent darunter. Das reichste Fünftel der Weltbevölkerung verfügt über 71 Prozent des Welteinkommens, das ärmste Fünftel nur über 2 Prozent. In 32 Ländern geben die Regierungen mehr Geld für militärische Zwecke aus als für Bildung und Gesundheit zusammengenommen. In den USA lebt von sieben Menschen einer unterhalb der Armutsgrenze. In der UdSSR ist die Kindersterblichkeit doppelt so hoch wie in anderen entwickelten Ländern. NATO und Warschauer Pakt verfügen über zusammen 100 000 Panzer. Wenn man sie hintereinander aufstellte, würde die Schlange von Paris bis Budapest reichen. Atomraketen erreichen Moskau von Westeuropa aus in sechs Minuten, aber eine Frau in Afrika muß immer noch mehrere Stunden am Tag laufen, um ihre Familie mit unhygienischem Wasser zu versorgen. In sogenannten lokalen Kriegen starben bis jetzt mindestens zehn Millionen Menschen; der aggressive Verkauf hochentwickelter Waffensysteme an die Dritte Welt hat dort die Spannungen erhöht und gewaltsame lokale Konflikte forciert. Die ganze Menschheit ist zum Unterpfand der Entscheidungen einiger weniger Menschen geworden. Im Dunkeln singen – was bleibt uns noch übrig...