Alles stimmt. Alles zusammen ergibt einen Sinn. Jeder Pfeiler, jeder Strebbogen, jeder Pilaster und jede Figur des Frieses für sich ist nur ein Teil – zusammen ergeben sie ein Ganzes: den Dom. Keines dieser Teile darf fehlen. Kein Bogen, kein Fenster verrutschen. Die Harmonie, der Sinn, die "Aussage" wären zerstört.

Oder die Titelseite der Bildzeitung. Welch strenge Kalkulation! Hier groß gedruckt Boris Becker, daneben Franz Josef Strauß, darüber die Nackte, darunter das Elefantenbaby von Hellabrunn. Zwei dünne Zeilen: "Flick-Prozeß eröffnet." Da stimmt alles; kein Wort darf ausgetauscht werden, soll nicht die Seite zusammenbrechen, die Absicht verlorengehen.

Eine Kathedrale, eine Boulevardzeitung – das sind antiauierte Schöpfungen des menschlichen Geistes. Ihre verbleichende Imposanz zeugt von Sinngewißheit, von Zweck- und Zieldenken, von Weltkenntnis und Weltdeutung.

Heute, da der Sinn futsch ist – der Sinn des Lebens, von dem die Erwachsenen immer reden – und wir alle wieder zu Kindern werden, spielend und staunend und unbekümmert um Zweck und Ziel, brauchen wir neue, andere Baulichkeiten, andere Zeitungen, Bücher und Filme.

Zum Beispiel eine Zeitschrift wie Tempo – das neue Magazin für die Infantilgesellschaft, dessen erste Nummer pünktlich zur Nürnberger Spielwarenmesse Ende Januar erschienen ist. Nehmen wir, das Teil für das Ganze, nur die Titelseite des schönen neuen Heftes: "Tempo" steht da. Und darunter: "Lust auf Prinzen. Und noch etwas kleiner: "Man trägt wieder Adel." Es könnte aber auch ganz anders heißen, nämlich: "Adel" – "Lust auf Tempo" – "Man trägt wieder Prinzen". Oder "Prinz" – "Lust trägt Tempo" – "Man adelt wieder". Oder: "Man" – "Prinzen auf Tempo" – "Der lustige Adel der Träger". Es kommt alles auf dasselbe heraus: auf nichts.

Die Wörter, die Sätze sind bunte Bauklötzchen, die sich beliebig austauschen lassen – totes Material. Kein Sinn geht verloren, keine Aussage wird in ihr Gegenteil verkehrt. Eine Titelseite wie die Fassade eines postmodernen Bürohochhauses oder Museums. Nichts stimmt.

Hier eine Reihe Säulen, dort ein paar Erker, hier etwas Fachwerk, dort barocke Stukkaturen, alles austauschbar. Es scheint, als habe der Architekt eine große Maschine benutzt, sie mit Außen- und Innenmaßen gefüttert, einen Bildband "Schönes Deutschland" hinterhergeschoben und dann auf das Knöpfchen gedrückt.