Die ganze Lage der Frau ist so sehr dem Zufall unterworfen, so komplex und verdrießlich, daß man sie nicht einen Augenblick lang festlegen kann, ohne sie im nächsten falsch plaziert zu haben.“ So steht es (im September-Kapitel, das über „Ihre Gezeiten und Monde“ Auskunft gibt) im „Ladies Almanach“, der, 1928 als Privatdruck und anonym (von einer „Lady of Fashion“) veröffentlicht, jetzt unter dem Namen der Verfasserin, der amerikanischen Schriftstellerin Djuna Barnes zum erstenmal auf deutsch vorliegt. Alles, was man schon immer, damals und heute, über die Damen und die besonderen Damen wissen wollte, erfährt man aus diesem ebenso tiefsinnigen wie witzigen 12-Monats-Buch. Im Mittelpunkt der Kapitel um Liebe und Verwirrungen, die Geschichte und ihre Zeichen steht eine Dame besonderer Art und Statur, die als „Wunderwirkerin“ tätig ist und die interessantesten weiblichen Kreise um sich schart. Daß man am Ende heute auch entschlüsseln kann, wer wer sein sollte (schließlich basieren alle Geschichten auf Erfahrungen), daß sich etwa hinter derjenigen, die Frauen für schwach und albern erklärt, Gertrude Stein verbirgt, dafür sorgt das Nachwort, worin man nicht nur den verschlüsselten Ladys im Porträt begegnet, sondern vor allem auch die Haupt-Dame schön und nackt auf Waldesboden bewundern darf. (Djuna Barnes: „Ladies Almanach“, aus dem Amerikanischen von Karin Kersten, mit einem Nachwort von Brigitte Siebrasse, vielen Zeichnungen und Photos; Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 1985; 140 S., 24,80 DM.)

Manuela Reichart