Acht Lebensjahrzehnte, davon rund gerechnet die Hälfte in Bonn und dort ständig die politischen Akteure im Visier: da kann einer zur Institution und schließlich sogar zum Denkmal werden. Walter Henkels, der am kommenden Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, hat den Titel des „Hofchronisten“ stets im Zwiespalt akzeptiert. Das Odium der Schönschreiberei, das dieses Wort umschwebt, es wird von Journalisten ja ohnehin nicht geschätzt und in unseren mißtrauischen Zeiten doppelt ungünstig aufgenommen. Neben der Ehre wohnt gleich der Verdacht. Dabei hat Henkels’ Kniff meistens darin bestanden, seine Bosheiten in viele scheinbare Liebenswürdigkeiten zu verpacken; die Sottisen kamen dann wie aus dem Mundwinkel, aber das pfiff nur so. Seine „Bonner Köpfe“ vor allem waren eine ebenso begehrte wie gefürchtete Galerie. Wer sich dort aufgenommen fand, der zählte in Bonn dazu, und selbst schlechtes Licht war immer noch Licht. Die Unglücklichen hingegen, auf die gar keines fiel, sie waren wie verdammt in alle Ewigkeit.

Doch was immer es mit dem Hofchronisten auf. sich hat, ein Dolmetsch, der die Bonner Akteure dem Publikum so oder so nahebrachte, ist Henkels allemal gewesen. Vielleicht ist es da kein Zufall, wenn sein jüngstes Buch – das wievielte? das wissen nur er und seine Verleger – von anderen Dolmetschern handelt, von den „leben Dienern ihrer Herren“, den Regierungssprechern.

Ein Buch aus vielen Teilen. Auf den Rückblick auf die lange Reihe der Regierungssprecher, die knappen Anmerkungen zu jeder einzelnen Person folgt Ausbeute aus dem eigenen Steinbruch: Artikel, die Henkels in vielen Jahren über die Sprecher geschrieben hat. Dann kommen die Antworten auf einen Fragebogen, der den Herren zu ihren Erlebnissen und Erfahrungen, ihrem Selbst- und Amtsverständnis unterbreitet worden ist. Und am Ende steht eine Dokumentation, die mancherlei für den Umgang zwischen Politik und Presse typische Situationen und Äußerungen festhält.

Das macht kein profundes Werk, wie denn keines von Henkels’ Büchern je schweren Schrittes dahergekommen ist. Reißbrett und Systematik sind nicht seine Sache; viele Wiederholungen, zumal beim Zitieren der eigenen Artikel, haben er und sein Lektor in Kauf genommen. Henkels tupft, wie immer – ein Pointillist der Politik. Und manches Thema fängt erst da an, wo er aufhört. Doch aus den vielen Tupfern, den Anekdoten und Geschichtchen entsteht wie immer ein ebenso subjektives wie lebendiges Bild, hier besonders. Urd was die Reprisen angeht, so bleibt darin der oft so punktgenaue Lapidar-Stil dennoch frisch. Als ganz beiläufiges Beispiel: „Einer der Ministerbegleiter... wird neben dem Minister plaziert. Das Wort Ohrenbläser trifft buchstäblich zu.“ Echt Henkels.

Vor allem aber: der Chronist hält Nachlese – paradoxerweise auf einem Feld, das trotz der uferlosen Bonn-Literatur noch so gut wie gar nicht beackert worden ist. Er sammelt auf seine Weise auf, was das politische Bonn, sich selber zu einen Gebilde mit Luftwurzeln verurteilend, auch hier an eigener Geschichte vernachlässigt und in Vergessenheit geraten läßt. Wer sonst hat bisher nicht nur die Namen, sondern auch die Figuren, Temperamente, Charaktere derer festgehalten, die in den Adenauer-Jahren, während der Großen Koalition, zu den Anfängen des sozialliberalen Bündnisses als Herolde und Politikverkäufer, als Interpreten und Vermittler zwischen Regierungen und Medien dienten? Umstritten oder geschätzt, aber meistens auf einem Drahtseil ohne Netz? Der Anfang der langen Reihe ist schon versunken: Heinrich Box und Paul Bourdin, Felix von Eckardt und Karl-Günther von Hase, Günter Diehl und Conrad Ahlers oder Rüdiger von Wechmar und Armin Grünewald – ehedem jeden Tag präsent und genannt, heute oft nur noch Namen, wie Schall und Rauch.

Walter Henkels hat ihnen wieder Konturen gegeben. Er hat ein Stück Bonner Geschichte gerettet – wie der Jubilar denn selber eines ist. Salat und Glückwunsch!

Carl-Christian Kaiser

Walter Henkels: Die leisen Diener ihrer Herren. Regierungssprecher von Adenauer bis Kohl; Econ Verlag, Düsseldorf und Wien 1985; 216 S.; 24,- DM.