Berlin

Die Tutoren gingen in den Streik, die Studenten auf die Straße. Die ÖTV verzeichnete einen Run auf Mitgliedschaft, der AStA der Technischen Universität das Entstehen einer neuen politischen Kultur. In der vorigen Woche fand in Berlin die erste große Studenten-Demonstration seit 1978 statt. Daß nach so langer Zeit 15 000 angehende Akademiker durch die winterliche Stadt zogen, hat Wissenschaftssenator Professor Wilhelm Kewenig durch geschicktes Timing erreicht – einmal mit seinem umstrittenen Hochschulgesetzentwurf, zum anderen durch Kürzung der Tutorengehälter auf 11,50 Mark.

Wer in diesen Tagen das Gebäude des TU-Fachbereichs Informatik betreten wollte, mußte einen „Passierschein“ erwerben, ausgestellt vom Institut für Tarifvertrag, Fachgebiet 16, 69. Soviel, 16,69 Mark nämlich, betrug die Stundenvergütung eines Tutors an den Berliner Universitäten vorher. Laut Tarifvertrag von 1981, der für die verschiedenen studentischen Tätigkeiten unterschiedliche Sätze vorsah und Krankengeld und Urlaubsanspruch regelte. Kewenig kündigte den Tarifvertrag zum Jahresende und ersetzte ihn durch „Richtlinien“, die den neuen Lohn – bei Neueinstellungen und Vertragsverlängerungen – beträchtlich herunterschraubten. Andere tarifliche Leistungen fallen ebenfalls weg. Die ÖTV konstatierte eine Einbuße von 35 Prozent und rechnete dem Senator vor, daß er bei entsprechender Gehaltskürzung monatlich auf 4190 Mark verzichten müßte.

Zwar hatte dieser die Kündigung mit den niedrigen Löhnen westdeutscher „HiWis“ begründet, doch im Kern geht es um das Berliner Tutorenmodell, das 1969 im Zuge der damaligen Bildungsreform entwickelt wurde. Es wies den Tutoren – qualifizierten Studenten – grundlegende Aufgaben in Lehre und Forschung zu. Der Senator rüttelte also an einer hochschulpolitischen Grundfeste, und das kann ins Auge gehen. Während der Tarifkämpfe zeigte es sich denn auch, daß er auf so sehr viele Mitstreiter nicht mehr zählen kann: Seine eigene Partei und der Koalitionspartner FDP sprachen sich für die Beibehaltung des Modells aus, und selbst die konservativen Professoren im Hochschulverband attestierten den Tutoren nicht mehr Linkslastigkeit, sondern qualifizierte Arbeit.

Die Berliner Bildungsspitzen fingen an, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben und diesen dann weiter nach unten zu reichen: Kewenig meinte, die Universitätspräsidenten müßten dafür sorgen, daß den Studenten durch ausgefallene Pflichtveranstaltungen keine Scheine und damit Semester verlorengingen. Als die Präsidenten wissenschaftliche Mitarbeiter aufforderten auszuhelfen, lehnten diese „Streikbrecherdienste“ ab.

Bernhard Stein