Nach den kräftigen Kursrückschlägen am deutschen Aktienmarkt in der zweiten Jahreshälfte fällt es den Anlageberatern der Banken offensichtlich nicht leicht, wieder Stimmung für Aktien zu machen. Die ersten Börsentage dieser Woche geben aber wieder Anlaß zum Optimismus. Ebenso wie in den USA, wo die gesunkenen Ölpreise wegen ihrer positiven Wirkung auf die konjunkturelle Entwicklung die Aktienkurse auf neue Rekordstände gebracht haben, werden auch in der Bundesrepublik Überlegungen darüber angestellt, welche Auswirkungen zu erwarten sind und welche Branchen von der Ölpreis-Baisse am stärksten profitieren werden. Schließlich hat sich für die deutschen Verbraucher der Rohstoff Öl zusätzlich durch den gefallenen Dollarkurs verbilligt.

Das ist einer der Gründe dafür, warum die Aktien der deutschen Chemie-Unternehmen bemerkenswert stabil lagen. Börsenanalysten gehen davon aus, daß die gesunkenen Rohölkosten einen wesentlichen Teil jener Ausfälle wieder wettmachen werden, die durch das Wiedererstarken der Mark gegenüber dem Dollar zu erwarten sind.

Daß der Kurs der Lufthansa-Aktien kräftig stieg und einen Nachkriegshöchststand erreichte, geht ebenfalls auf den niedrigeren Preis für die Brennstoffkosten zurück. Er sollte nach Meinung der Banken die ohnehin schon gute Ertragssituation der Lufthansa weiter verbessern.

Ölpreis-Baisse als Hausse-Moment gilt auch für die Aktien konsumnaher Unternehmen; vor allem natürlich für die Warenhäuser. Börsianer verweisen außerdem auf die Milliarden, die der Bevölkerung dank der jüngsten Steuerermäßigung zusätzlich zur Verfügung stehen. Der Konsumstoß käme gerade zur rechten Zeit, um die negativen Folgen der stärkeren Mark auf den Export auszugleichen.

Leidtragende der Ölpreissenkung waren bisher die Bankaktien. Denn ohne Zweifel werden die Ölmindereinnahmen einige Förderländer in zusätzliche finanzielle Schwierigkeiten bringen. Die deutschen Banken dürften aber dank ihrer hohen Rückstellungen durch den Ausfall eines Gläubigerlandes nicht in Schwierigkeiten geraten. Anders steht es mit den großen Instituten in den USA. Bei ihnen sind nicht nur die Mexiko-Kredite in Gefahr geraten, sie haben noch zusätzliche Probleme mit inländischen Fördergesellschaften bekommen, bei denen der heutige Ölpreis nicht mehr ausreicht, um rentabel fördern zu können. Kenner der nordamerikanischen Szene schließen gleichwohl einen umfassenden Bankkrach in den USA aus.

Mit Kursrückgängen von 100 Mark und mehr bei einigen deutschen Spitzenbanken sei etwaigen Risiken ausreichend Rechnung getragen worden, meinen die meisten Börsianer. Wenn sie sich dennoch mit dem Kauf von Bankaktien zurückhalten, geschieht dies wegen der laufenden Kapitalerhöhungen, die diesen Sektor gegenwärtig über Gebühr belasten.

K. W.