Von Dorothea Hilgenberg

Den großen ausholenden Schwüngen von Reformen und ihrem kräftezehrenden Verschleiß folgt meistens der Augenblick der Ermattung, das Erwachen. Zeit, sich zu besinnen, Zeit, um Luft zu holen.

Das kann jedoch nur der tun, der den Kampf nicht auf seine Fahnen geschrieben hat. Gewerkschaften dürfen sich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben, von ihnen wird erwartet, weiterzumachen und notfalls das Unmögliche für möglich zu erklären. Der Lehrergewerkschaft GEW geht es da nicht anders – auch wenn sie von ihrer Basis weiß, daß Reformen (gerade im Bildungsbereich) ideell zwar beflügeln können, dafür aber viel Energien schlucken.

So mußte Dieter Wunder, der Vorsitzende der GEW, auf dem bildungspolitischen Kongreß in der letzten Woche seiner Gewerkschsaft das Unmögliche versprechen: „Wir arbeiten daran, daß die Gesamtschule eines Tages die alleinige Schule ist.“ Natürlich weiß er, daß dies eine Illusion und angesichts des vorangegangenen „Kulturkampfes‘ kam durchzusetzen ist.

Was die Meriten der vorgangenen zwanzig Jahre jedoch nicht mindert. Es war ein gesellschaftspolitischer Kraftakt, neben das alte (dreigliedrige) System aus Gymnasium, Real- und Hauptschule ein neues, die international selbstverständliche Gesamtschule, zu setzen. Vieles ging schief, vieles geschah überstürzt, unerfahrene Lehrer hatten oft zuwenig Erfahrung und Kinder einen Horror vor gigantischen Gebäuden und Schülerzahlen. Einige von unseren „Comprehensive schools“ konnten sich gerade halten, andere gingen ein – doch eine stattliche Reihe überlebte bestens. Ihnen rennen noch heute, in schülerarmen Zeiten, unzählige Bewerber die Türen ein. Nördlich der Mainlinie hat sich so eine Schulform ihren Platz in der Gesellschaft erobert, die Kinder nicht zu früh auf einen bestimmten Abschluß festlegt und unterschiedlichen Neigungen durch ein großes Kursangebot und persönliche Betreuung gerecht zu werden versucht.

Jedoch – was Dieter Wunder nicht gern sagt, was aber auch Hans Maier aus Bayern und Gerhard Meyer-Vorfelder aus Baden-Württemberg nicht gern sagen: Alle haben auf dem Schlachtfeld ihrer bildungspolitischen Glaubenskriege Federn lassen müssen. Das Urmodell ist längst dem Gesichtskreis entschwunden, es hielt der Wirklichkeit nicht stand – die Gesamtschule hat sich über Leistungskurse und Differenzierung einen ihrer Grundidee fremden Katalog des Ein- und Aussortierens aufdrücken lassen. Und die Gymnasien wiederum haben ihren erstarrten Fächerkanon mit neuen Melodien aufgefrischt, sich bei der konkurrierenden Gesamtschule viele gute Ideen abgeschaut (die Projektwochen etwa oder die musischen Aktivitäten). Was die Förderbereitschaft und Rücksichtnahme auf schwächere Kinder angeht, zeigen sie (im Wettkampf um geburtenschwache Jahrgänge) mittlerweile so viel Herz, wie es die Gesamtschulen kaum je zu zeigen gewagt hätten.

Wo es um Parallelen geht: Auch die Gegenspieler beider bildungspolitischen Lager haben mehr gemein, als es ihnen ihr Weltbild anzunehmen gestattet. Nicht in Glaubensfragen, doch an den Stellen, wo es um das Eigentliche, den Unterricht, geht. Kaum ein Kultusminister, für den der Einzug des Computers zunächst kein Alptraum bedeutet hätte. Keiner mag ihn, jedoch wollte ihn keiner verhindern. Alle dachten sich angestrengt Methoden aus, wie man kindliches Denken auch am Computer schulen und gleichfalls die beschränkte Intelligenz der Maschine vorführen könnte. Sie machten sich Sorgen, orderten die Rechner jedoch stapelweise, trotz fast leerer Kassen – um nicht in den Ruch zu kommen, fortschrittsfeindlich zu sein (allein Niedersachsen gibt in den nächsten vier Jahren 80 Millionen Mark dafür aus). Nicht ohne gleichzeitig Schüler vom Wert des Buches zu überzeugen, mit beschwörenden Worten und dem festen Versprechen, mehr Schulbibliotheken einzurichten.