Von Esther Knorr-Anders

Dreihundert Millionen Jahre ist der Steinwald alt. Man sieht es ihm nicht an. Wohl aber sieht man, daß er vulkanischen Ursprungs ist. Die einst aus dem Erdinnern hervorbrechenden feuerflüssigen Massen ließen die charakteristischen Basaltscnlotkegel entstehen. Es darf angenommen werden, daß der Steinwald die Heimat von Riesen war. Urzeitliche, groteske Granitfels-Ungetüme türmen sich zum „Steinernen Pferd“, zum „Leiterfelsen“, zur „Riesenschüssel“. Jene mit Überlänge versehenen Ureinwohner müssen Katzen gehalten haben, denn sie wuchteten aus Steinblöcken ein „Katzentrögel“ auf. Die Vogelliebhaber unter den Riesen schufen den „Kiebitzstein“, Tränke und Futterplatz in einem. Was sich nicht ohne weiteres wahrnehmen, jedoch als glaubwürdig erahnen läßt, ist die durch Sagen belegte Tatsache, daß dieser Zauberwald die goldbekrönte Schlangenkönigin birgt. Seltsam lachende Kinder hocken um Felsenweiher und werden unsichtbar, wenn man sie anspricht. Grünes Laub in der Hand eines Mannes verwandelt sich in pures Gold, sofern er sich getraut, die am Wegrand verweilende, wundersame Frau zu küssen.

Wo liegt diese weithin unbekannte Wald- und Felsenwildnis? Zwischen dem südlichen Fichtelgebirge und dem nordwestlichen Oberpfälzer Wald. Die höchste Erhebung dieses kleinsten aller Naturschutzgebiete in der Bundesrepublik ist die 946 Meter hohe „Platte“. Tief im Bäumedschungel versteckt ist die Burgruine Weißenstein zu finden. „Platte“ und Ruine verlocken an klaren Tagen zu weitem Blick aufs Fichtelgebirge, zum „Rauhen Kulm“, zum benachbarten Egerland mit den böhmischen Grenzbergen. In diesem Waldreich glänzen mehr als 3000 Weiher, Fischteiche, Seen. Es leben Tiere, die mancherorts längst verschwunden sind: Uhus, Schwarzstörche, Reiner.

Natürlich leben hier auch Menschen. Bei der Verteilung liebenswerter Eigenschaften müssen die Steinwaldleute in der ersten Reihe gestanden haben. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie von Holz- und Granitbearbeitung, von der Fischzucht, der Porzellan- und Knopfherstellung, vom Bierbrauen und von karger Landwirtschaft. Seit den fünfziger Jahren bemühen sie sich um den Fremdenverkehr.

Der Wallfahrtsort Fuchsmühl, das am hohen Steinwaldkamm dahinträumende Friedenfels und das ehemalige Bergwerksstädtchen Erbendorf übten sich als Vorreiter. Berliner Urlauber erfuhren als erste, was der herbe Wald für Alte und Junge, für magersüchtige wie für pralle Geldbeutel zu bieten hatte. Gäste aus verschiedenen Gegenden folgten. Das von dunklen und bis dato gesunden Nadelbäumen umgebene Fuchsmühl wurde lebhaft angesteuertes Reiseziel. Es ist kaum zu unterstellen, daß alle Besucher der grauen Wallfahrtskirche wegen nach Fuchsmühl kommen, obwohl das Gnadenbild schon zahlreiche Wunder bewirkt haben soll. Zwingenderer Anreiz dürften im Winter vierzig Kilometer gespurte Skilanglauf-Loipen, Rodelbahnen, Spaziergänge ins zerklüftete Hackelsteinmassiv und die von der Bergwacht im Wald veranstalteten Feste sein. Dauerjubel lösen das Essen und der niedrige Unterkunftspreis aus. In besten Hotels sind für das Doppelzimmer mit Frühstück etwa 50 Mark zu berappen. Im Fuchsmühler Waldhotel „Hackelstein“ erhält man zum Frühstück sechs Scheiben Käse und sechs Scheiben Schinken. „Haben Sie denn schon wieder nichts gegessen?“ brummt der Wirt Max Ströll. Mißbilligend betrachtet er den ungeleerten Teller. Deutlich verrät seine Miene, daß ihm derart dekadente Gäste zukünftig erspart bleiben mögen. Er schickt einen flehenden Blick zur schneebepuderten Gnadenbildkirche.

Fraglos fiel es Fuchsmühl leichter als anderen Steinwaldorten, populär zu werden. Das hängt mit seiner Vergangenheit zusammen: Ein Blutbad fand im Walde statt. „Wo i geh’ und wo i bin, kimmt mir dös Bluatbad not aus’n Sinn“, lautet eine Zeile der „Fuchsmühler Gsangln“. Am 30. Oktober 1894 hatte jene berüchtigte „Holzschlacht“ stattgefunden. Worum ging es? Um etliche Klafter Holz, die den gewiß nicht reichen Bauernfamilien seit 400 Jahren zustanden. Der neue Schloß- und Waldgutinhaber, Ludwig von Zoller, machte ihnen das Holzrecht streitig. Das konnten die Fuchsmühler nicht hinnehmen. Sie zogen in die „Schrammlohe“, um ihr Holz zu schlagen. Die Obrigkeit reagierte obrigkeitlich. Sie beorderte eine Infanterieabteilung aus Amberg in den Wald. Diese sollte für ungeteilte Bäume sorgen. Das tat sie auch. Bei dem Massaker (Bewaffnete gegen Unbewaffnete) wurden drei beugte Holzfäller getötet, 23 weitere schwer verletzt. Siebzehn Bajonettstiche erlitt der Häusler Johann Fichtner. Eine Novelle zum Forstgesetz bescherte den Überlebenden des Gemetzels späte Gerechtigkeit. Alljährlich findet in der „Schrammlohe“ die Wiedererweckung der Holzschlacht durch Laienspieler statt.

Auch nur annähernd Gleichwertiges hat Friedenfels, der Name verrät es, nicht als Werbemittel einzusetzen. Die Versöhnungsumarmung zweier verfeindeter Brüder, die bei einem Felsen stattfand, ist zwar sittlich erhebend, aber niederschmetternd langweilig. Dafür funkelt der Erholungsort, der ganze Friedenfelser Raum, vor Schönheit: ringsum verschneite Wiesen, Felsgruppen; Bäche gurgeln. Friedenfels hat ein Schloß mit ausgedehntem Park und eine „Schwarze Madonna“, die aus der Nische eines Granitblocks herausschaut. Der Ritter von Notthafft soll sie zu Kreuzzugszeiten aus dem Heiligen Land entführt haben. Vor allem hat Friedenfels eine Schloßschenke, die kein Gast gern verläßt – es sei denn, er wolle zur Ruine Weißenstein.