Es gibt sehr stille Orte in Deutschland. Zu den stillsten gehört das Treppenhaus jenes Hochhauses. Ein Kasten, sieben Stockwerke hoch, 32 Mietparteien, außen und innen grauer Klinker. Aus jeder Etage starren vier Gucklöcher, und wenn nicht gerade der Aufzug rumpelt, macht eine Stecknadel tatsächlich laut und deutlich „ping“.

Die Leute im Haus sagen: Man hat von hier oben gute Sicht auf die Stadt. Aber welche Stadt? Bis zum Horizont dehnt sich bebaute Fläche, ornamentiert von rostenden Zechentürmen, Schornsteinen und Kühltürmen. Sogar ein Gebirge gibt es, eine Halde der Ruhrkohle AG, die wie ein dicker Wal vor dem Horizont liegt. Gelsenkirchen, Ortsteil Buer, Randlage. Hinter dem Haus beginnt bald ein anderer Ortsrand.

Der Hausmeister sagt: „Das ist ein billiges Altenheim.“ Fünf alte Leute hat er in den letzten fünf Jahren schon „tot den Fahrstuhl heruntergefahren“. Jetzt ziehen allerdings wieder junge Leute in die Sozialwohnungen ein, wegen der billigen Mieten. Ein Sozialfall-Haus? Es ist ja alles stets sauber geputzt, keine obszönen Parolen zieren den Fahrstuhl. Eine Wohnung steht zur Vermietung, die Gardinen hängen noch. Hier hat zwanzig Jahre das Ehepaar Franke gelebt, für 380 Mark monatlich plus 100 Mark Fehlbelegungsabgabe. Doktor Franke war Zahnarzt.

Die Nachbarin, eine 62jährige pensionierte Lehrerin, erzählt: „Die beiden haben immer davon geredet, daß ihre Tochter ihnen für das Alter ein Appartement in ihrer Villa in Hamburg reserviert hat. Aber immer war es noch nicht fertig. Dann starb die Frau. Der Doktor Franke ging dann nie mehr aus dem Haus. Vor drei Wochen kam dann die Tochter und hat ihn abgeholt, aber nicht ins Appartement, sondern ins Altersheim. Da ist er letzte Woche gestorben.“

Die Lehrerin kommt wie die Frankes „von drüben“. Sie ist ledig, bis vor vier Jahren pflegte sie in der Drei-Zimmer-Wohnung ihre 90jährige Mutter. Auf dem Vertiko versteckt sich ein Hitler-Bild unter einem Spitzendeckchen. Die Mitbewohner beschreibt sie über Krankheiten. Unten drunter: Leberkrebs, ist Beamter bei der Stadt. Im Vierten, ganz rechts, der Stypansky, etwas mit dem Magen, der schlägt seine Frau, Bergmann mit Sozialplan. Im Parterre, die Frau L., die hat’s mit dem Herzen. Neulich lag sie im Aufzug, halbtot. Das geht doch nicht.

Wenn die Türen einmal aufgehen, hat man Sicht auf die wuchernden Ornamente der Tapeten, die mit schnörkelnden Kommoden vollgestopften Flure, die berstenden Vitrinen in den Wohnzimmern. Das Gelsenkirchener Barock drängt mit Macht in das kalte, stille Treppenhaus, Flieder aus der Dose, Bratkartoffelduft mischt sich in den Geruch der Scheuermittel. Findet in diesem Haus Sozialgeschichte statt? Eher das Gegenteil: Als wäre Sozialgeschichte eingefroren, amputiert. Hier leben die Entwurzelten. Das Vertriebenen-Bürgertum, das in einer Industrieregion keinen sozialen Stammplatz fand. Die Bergleute, die aus Klassenbewußtsein und Siedlungs-Solidarität herausfielen, ihre Kinder, die ins Dienstleistungsgewerbe gingen. Keine Familienstrukturen organisieren mehr das Miteinander, keine Klasse oder Schicht garantiert Identität. Das Haus markiert das soziale Nirgendwo der Republik.

*