Sie sind ein Ärgernis, diese kleinen und doch hochoffiziellen Zettelchen unterm Scheibenwischer, die wohlbeleumundete Stadtbummler oder Kinobesucher der Parksünde bezichtigen. Autofahrer, die dieses Dokument zwischen Rostock und Plauen zugesteckt bekommen, werden somit aufgefordert, im angegebenen Volkspolizei-Revier vorstellig zu werden, zwecks „Gelegenheit zur Stellungnahme“.

Kommt der Täter dieser Aufforderung der Obrigkeit nach, ist ihm im Revier ein mehr oder minder freundliches Donnerwetter nebst einer Belehrung in Sachen Verkehrssicherheit gewiß – zumal die Fakten meist gegen die Ertappten sprechen. Er kann nun bestenfalls erklären, daß er sich seiner Schuld nicht bewußt war, daß er aus diesem oder jenem Grunde trotzdem parken mußte oder daß er der Meinung ist, das Parkverbot sei an dieser Stelle völlig fehl am Platze. Aber derlei Debatten helfen nicht. Der übliche Preis fürs Falschparken liegt heute bei zehn Mark. In schweren Fällen kommt noch ein Stempel in den „Berechtigungsschein“, den Führerschein, hinzu.

Die Revierszenen sind aber nicht allzu häufig, oft lassen die Autofahrer ihre Zettel in den nächsten Papierkorb fallen. Es hat sich nämlich herumgesprochen, daß ein Nichterscheinen bei der Polizei vielfach ohne Folgen bleibt. Vor allem in den Großstädten – allen voran Ostberlin – sind der Parksünder so viele, daß die Polizei nicht mehr alle mahnen kann, die den Strafzettel ignorieren. Jene, die allerdings ein persönliches Mahnschreiben („zur Klärung einer Angelegenheit“) erhielten, müssen trotzdem keine Nachteile befürchten – schließlich gibt es viele Möglichkeiten, wie ein Strafzettel von der Windschutzscheibe verschwunden sein könnte ...

Besuchern aus dem Westen sei allerdings geraten, eine solche Keckheit nicht erst zu versuchen. Auf Devisen ist der sozialistische Vater Staat so scharf wie der Teufel auf die Seele. Zur Eintreibung harter Schulden reicht die Polizeikraft allemal.

Es bleibt abzuwarten, ob die auch in der DDR um sich greifende Mikroelektronik mit den Genossen Polizeicomputern im Bunde eines Tages diese Lücke wird schließen können. Anzunehmen ist es, denn Lücken solcher Art sind dem sozialistischen Staat wesensfremd. Gegenwärtig hilft er sich auf zwei Wegen: Zum einen läßt er seine Volkspolizisten schon mal wegschauen, wenn ein oder mehrere Autos herren- beziehungsweise damenlos im Parkverbot stehen und das Dienstende nahe ist. Zum anderen harren die Uniformierten dort, wo massenhaft falsch geparkt wird, und warten auf die Rückkehr der Autobesitzer. In diesen Fällen wird vor Ort abkassiert und kein Schlupfloch offengelassen.

Pfiffige Autofahrer lassen – soweit die Situation erkennbar ist – ihr Auto dann lieber im Parkverbot stehen, bis die Ordnungshüter wieder abgezogen sind. Das kostet etwas Zeit und etwa 20 Pfennig für den Bus oder die S-Bahn.

Klaus Zwingenberger