Von Alexander Kulpok

Die Telephonverbindung mit Port-au-Prince war problemlos herzustellen – nicht gerade ein Zeichen für gewaltsamen Umsturz. Monsieur Chanoine vom Präsidialamt am anderen Ende der langen Leitung war irritiert: „Was hat Washington behauptet?“

Larry Speakes, der Sprecher des Weißen Hauses, hatte – wie sich herausstellte – in Amerika eine Falschmeldung verbreitet. Das Regime des Diktators Jean-Claude Duvalier sei von einer Regierung aus Militärs und Zivilisten abgelöst worden, ließ Speakes Journalisten wissen; Duvalier, seine Sippe und sein Kabinett hätten die Karibikinsel auf dem Luftwege mit unbekanntem Ziel verlassen. Plötzlich befand sich das Präsidialamt in Haitis Hauptstadt in der ungewohnten Lage, einmal die Wahrheit sagen zu dürfen: „Es gibt keinen Umsturz. Alles ist wieder ruhig hier. Pas d’agitation, content?“

Zufrieden kann niemand mit Haiti, dem Ausnahmefall der westlichen Hemisphäre, sein. Doch offenbar hat der 34 Jahre alte Diktator die Kontrolle über das Land noch nicht verloren. Jean-Claude Duvalier, Minister und Leibwächter im Rücken, gelobte eilends und wieder einmal Besserung; er kündigte im Fernsehen ein Programm zur Demokratisierung an und denkt angeblich an soziale Reformen; im übrigen brachte er sogar Verständnis für die „Ungeduld“ seiner Landsleute auf und bemühte schließlich zum Beweis seines ungebrochenen Machtwillens eine alte kreolische Spruchweisheit: „Ich bin stark und fest wie ein Affenschwanz!“

Es war die zweite Beschwichtigungsrede, die Duvalier innerhalb weniger Monate halten mußte. Im Herbst hatte er verkündet, die Geheimpolizei sei aufgelöst und die Militärführung umbesetzt worden. Doch die seit dem Sommer 1985 andauernden Proteste gegen Armut und Unterdrückung gingen weiter. Ende Januar erreichten sie die Hauptstadt mit ihrem schneeweißen Präsidentenpalast, mit dem bombastischen Mausoleum für Jean-Claude Duvaliers Vater und Amtsvorgänger François („Papa Doc“), mit den bizarren Holzhäusern aus der französischen Kolonialzeit, mit den kalifornischen Villen der Reichen und den Elendsquartieren der Armen.

Umsturz auf haitianisch – das heißt Coup de langue (zu deutsch: Zungenstreich) und verläuft immer nach dem gleichen Muster. Er beginnt mit Gerüchten hinter vorgehaltener Hand; er setzt sich fort mit erregten Debatten auf offener Straße, weitet sich zu offenem Protest aus und endet mit dem Sturz des Präsidenten. So wurden vordem die Vincent, Lescot, Dusmarsais und Magloire beseitigt – bis 1957 der von der Armee eingesetzte Landarzt Dr. François Duvalier die Macht übernahm.

Kurz vor seinem Tode hatte der zuckerkranke „Papa Doc“ seinen Sohn Jean-Claude in einer „Volksabstimmung“ zum Nachfolger auf Lebenszeit wählen lassen. Das Ergebnis sprach für sich: 2 319 916 Ja-Stimmen gegen eine Nein-Stimme „Jean-Clauaismus“ nennt sich heute auf Haiti, was „Baby Doc“ zu Politik und Staatsführung meint; „Jean-Claudisten“ heißen die Mitglieder der haitianischen Einheitspartei, die 1984 bei den letzten Parlamentswahlen (weil andere Parteien verboten sind) sämtliche 59 Mandate errang.