In einem Jahrhundert, in dem der Massentourismus noch den Pilgern und Söldnerheeren vorbehalten war, was fing man da nur mit einer karibischen Insel als Geschenk an. Der Herzog Jakob von Kurland, der 1610 bis 1681 in Mitau, am Ostrand Europas, lebte, hatte sich mit diesem Problem herumzuplagen.

Jakob, der Enkel des letzten Landmeisters des Deutschen Ordens in Livland, war durch die Zeitläufte weltlicher Fürst und Lehnsmann Polens geworden und hieß nach seinem königlichen Gevatter, Jakob I. von England. Der überließ seinem Patenkind, weil Bares wohl gerade nicht zur Hand war, einen Streusel vom Westrand des englischen Reiches – die kleine Insel Tobago.

„Einst von Karaiben und wilden Menschenfressern bewohnt“, beschreibt des Herzogs Zeitgenosse, Georg von Fölkersam, diesen Flecken, von dem selbst die Konsistorialräte des Hofes nicht gleich zu sagen wußten, wo genau er zu finden war. Fölkersam fährt fort: „Sie ist rein von jenen vergifteten Mirasmen, welche die heiße tropische Sonne aus tiefliegenden Sümpfen zu kochen pflegt. Freiwillig und ohne die pflegende Hand der Menschen erzeugt der Boden Pfeffer, Cacao und jenes stinkende und doch so beliebte Kraut, das man gewöhnlich Tabak, sonst aber heiliges oder königliches Kraut zu nennen pflegt. Für Kurland machte er nie einen Handelsartikel, da man ihn wenig zum Schnupfen braucht und nur gleichsam des Anstandes und der Mode wegen selten eine Prise nimmt. Geraucht wird bei uns, wenigstens in anständiger Gesellschaft, niemals.“

Bis zu Jakobs Regierungsantritt im Jahre 1641 geschah erst einmal nichts mit der Insel. Danach aber, gänzlich unstandesgemäß, nahm Jakob seine paar ererbten Pfunde, überlegte und begann zielstrebig wie ein Pfeffersack aus Lübeck mit ihnen zu wuchern. Der kommerziellen Logik der Großkaufleute seiner Zeit folgend, rüstete er eine Flotte aus. Der setzte er seine kurländische Flagge mit einem schwarzen Taschenkrebs auf feuerrotem Grund in die Gaffeln und schickte Kurlands Armada los. Mit Kanonen, Pastor Dannefeldt und Glasperlen nach Westafrika; mit Sklaven und frischem Wasser weiter nach Amerika; mit Zucker, Indigo und Papageien zurück nach Mitau.

Jenem Pastor fiel dabei eine Art Schlüsselrolle zu. Er nämlich wurde aus dem europäischen Busch in den afrikanischen Busch nach Gambia versetzt, damit er in Neu-Mitau – so des Herzogs Weisung – zusehen möge, „wie die heydnischen Gemüther zur rechten Erkenntniß Gottes mögen gebracht werden, weswegen genannter Pastor auf die Sprache der Schwarzen sich zu legen und dieselbe zu ergreifen habe“.

Noch während genannter Pastor auf die heidnischen Gemüter einwirkte, segelten bereits acht weitere schwarze Taschenkrebse ab. An Bord befanden sich etliche hundert Kolonisten deutscher und lettischer Zunge. Das Ergebnis der Ankunft sämtlicher schwarzer Krebse auf rotem Grund las sich bereits nach wenigen Jahren auf den Ladelisten der unter den Kanonen von Jakobstadt dümpelnden Segler wie folgt: „Zucker, Indigo, Baumwolle, Tabak, Quartimane, Manioc, Bacoves, Bananen, Patte de Gigembre, Affen, Papageien.“ „Gott weiß, wo die wohl alle geblieben sind“, fragte sich Fölkersam bei den letztgenannten beiden Handelsartikeln. Denn man schrieb das Jahr 1658, das Blüte- und Sterbejahr des kurländischen Kolonialhandels. In ihrem Krieg gegen Polen hatten die Schweden Herzog Jakob festgesetzt und sammelten jetzt seine ahnungslos heimkehrenden Windjammer ein wie goldene Eier. Am anderen Ende, auf Tobago, hatten holländische Siedler die Stunde genutzt und zugegriffen, nur um sofort von englischen Piraten überfallen zu werden, die ihrerseits vom französischen Admiral d’Estrees ausgeräuchert wurden.

Im Frieden von Oliva (1660) sah sich Herzog Jakob als Landesherr restituiert, aber bei den „Colonialwaaren“ aus dem Markt geworfen. Noch aber gab er nicht auf. Durch den Frieden von Nimwegen des Jahres 1679 wurden zwar seine Ansprüche auf Tobago bestätigt, doch dies auf Grund eines recht wunderlichen Handels zwischen zwei königlichen Kaufleuten: Karl II. von England erkannte Jakobs Recht auf Tobago an (das Majestät derzeit überhaupt nicht in der Hand hatten), indes Herzog Jakob Karl das Fort St. Andreas in Gambia abtrat (das allerdings Durchlaucht im Augenblick auch nicht besaß). Außerdem versprach der Herzog für Englands etwaigen Kriegsfall ein Schiff von 40 Kanonen („ohne Bemannung und Speisen“).