Von Johannes von Dohnanyi

Der Januar 1986 brachte in Italien nichts Außergewöhnliches: Die Krankenhaus- und Kassenärzte legten mit ihrem Streik für bessere Arbeitsbedingungen das öffentliche Gesundheitswesen lahm. Die Tankstellen blieben aus Protest gegen die von Rom geplante Freigabe der Benzinpreise geschlossen. Die Verkehrsbehörden stellten bereits in der zweiten Woche weder Führerscheine aus noch nahmen sie die gesetzlich vorgeschriebenen technischen Fahrzeugkontrollen vor. Eisenbahner streikten, ganze Abteilungen der Zentralbank befanden sich im Ausstand, die Lehrer und die süditalienischen Metallarbeiter planten einen Generalstreik.

Die dritte Januarwoche begann auch mit dem Griff der Währungshüter zur Kreditnotbremse, um die rapide Erosion der Devisenreserven als Folge von Abwertungsspekulationen um die Lira aufzuhalten. Mit nur zweimonatiger Verspätung lief im römischen Parlament die Debatte über den Haushaltsentwurf 1986 an, und die Regierung des sozialistischen Premierministers Bettino Craxi sah sich gezwungen, auch im kommenden Monat mit einem Nachtragshaushalt zu leben. Alles in allem also: auf dem Stiefel nichts Neues.

Es gehe der italienischen Wirtschaft so gut wie schon lange nicht mehr, hatte Craxi beim ersten Besuch eines Regierungschefs an der Mailänder Börse kurz vor Weihnachten erklärt. Der erste Sozialist Italiens wäre kein Politiker, hätte er dieser Diagnose nicht sofort eine überzeugende Erklärung hinterhergeschickt: Der gute Gesundheitszustand sei natürlich "das Verdienst der gegenwärtigen Regierung, die dem Land das verlorene Vertrauen zurückgegeben hat". Abgesehen von solchem Wortgeklingel konnte Craxi allerdings auch auf Daten aus der Privatindustrie verweisen, die seine Darstellung zu bestätigen schienen.

Der Fiat-Konzern steigerte seinen Gewinn binnen Jahresfrist um spektakuläre sechzig Prozent. Bei der Olivetti-Gruppe wuchs der Umsatz in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres um nicht weniger als 51 Prozent. Der erst vor knapp zwei Jahren reprivatisierte petrochemische Konzern Montedison geht zum erstenmal seit langer Zeit mit einer ausgeglichenen Bilanz ins neue Jahr. Und auch die unter dem Dach der Staatsholding IRI zusammengefaßten Unternehmen haben ihre Verluste erheblich reduzieren können.

So groß war das von Premierminister Craxi erwähnte "wiedergewonnene Vertrauen", daß die italienischen Sparer nicht weniger als 6000 Milliarden Lire frisches Kapital über die Wertpapierbörsen in die Unternehmen fließen ließen. "Damit haben sich die Werte des Vorjahres genau verdoppelt", sagt Roberto Poli, der Präsident des Investmentfonds Bi-Invest. Craxi: "Wer weiterhin Pessimismus verbreitet oder bevorstehende Katastrophen prophezeit, leistet Italien keinen guten Dienst.

Doch der Optimismus des Premiers findet nicht einmal in seinem Kabinett ungeteilte Zustimmung. Allen voran wollte der christdemokratische Schatzminister Giovanni Goria seine Rolle der "Kassandra vom Dienst" nicht aufgeben und mochte nicht in die Jubelchöre einstimmen. Die Position der italienischen Exportindustrie sei in den vergangenen zwei Jahren durch den überbewerteten Dollar begünstigt worden, meint er. Mit dem jüngsten Verfall der amerikanischen Währung drohe jedoch dieser Aufschwung wieder zunichte gemacht zu werden. "Und wie immer haben wir es in dieser für uns günstigen Phase nicht verstanden, die Ursachen der italienischen Dauerkrankheit anzugehen, sondern haben, wenn überhaupt, an den Symptomen herumgedoktert." Giovanni Goria ist einer der wenigen italienischen Politiker, die nicht nur darüber reden, den Gürtel enger zu schnallen, sondern die das wirklich tun wollen. 1986 müsse das Problem der Staatsverschuldung endlich entschlossen angegangen werden, hatte der Minister den Parlamentariern zu Beginn der Haushaltsdebatte mit auf den Weg gegeben. Doch schon ist klar, daß die im Haushaltsentwurf vorgesehene Neuverschuldung der öffentlichen Hand von 110 000 Milliarden Lire (rund 162 Milliarden Mark) bei weitem überschritten werden wird.