Von Claudia Pai

Tübingen

Deutliche Schußspuren weist die Herrenunterhose auf, die blutverschmiert und durchlöchert in einer Vitrine des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft liegt. Das demolierte Stück ist eine Imitation. Vor gut fünfundsiebzig Jahren war das historische Original in Frankfurt zu besichtigen – im Schaufenster der sozialdemokratischen Volksstimme. Tags zuvor hatte dort die Polizei Demonstranten arg geschurigelt; ein findiger Journalist der Volksstimme sammelte liegengebliebene Gegenstände, Hüte, Spazierstöcke und eben besagte Unterhose auf. Einen Tag lang waren sie in der Auslage seines Zeitungsbüros zu sehen.

„Als die Deutschen das Demonstrieren lernten“ heißt die Ausstellung, mit der nun fünfzehn Studenten des Uhland-Instituts an jene Anfänge anknüpfen. Etwas akademisch geriet ihr Untertitel – „Das Kulturmuster friedliche Straßendemonstration im preußischen Wahlrechtskampf 1908-1910“. Es war die Zeit des Kampfes gegen das Dreiklassenwahlrecht und für allgemeine, gleiche und geheime Wahlen; eine Zeit, in der die Deutschen die Straße eroberten. „Die Demonstration wurde für Deutschland erfunden“, schrieb Theodor Heuss in seinen Lebenserinnerungen.

Gut ein Dreivierteljahrhundert später wird zum erstenmal die Geschichte der Demonstrationsformen und damit auch ein Stück Demokratiegeschichte untersucht. Die Pionierarbeit der Tübinger kann sich sehen lassen.

„Wir wollten keine Husch-husch-Ausstellung quer durch die Geschichte der Demonstrationen bis heute machen“, sagt Privatdozent Bernd Jürgen Warneken, „uns war der mikroskopische Blick auf eine Phase wichtiger.“ Die Phase „Wahlrechtskampf“ wurde gewählt, weil sich in ihr der massenhafte Durchbruch der Demonstration als politisches Kampfmittel vollzog. Das Rückbesinnen auf die Anfänge lag nahe, als die Arbeitsgruppe vor zwei Jahren anfing, sich mit dem Thema „Straßenkultur“ auseinanderzusetzen. Bernd Jürgen Warneken: „Die Atmosphäre, in der wir auf die Idee kamen, die Ausstellung zu machen, ist geprägt durch die steigende Zahl von Demonstrationen, die seit 1968, wo sich diese Form wieder etablierte, ständig zunehmen. Die offizielle Demonstrationsstatistik, die seit 1970 in der Bundesrepublik existiert, zeigt das. Der heiße Herbst, Worte, wie die von Helmut Kohl, der wieder vom ,Druck der Straße‘ spricht, belegen, daß diese Form zwar legal, aber letztlich immer noch nicht richtig anerkannt ist.“

Die Ausstellung hält sich mit Hinweisen auf die Gegenwart zurück: „Vor platten Bezügen wollten wir uns hüten“, berichtet Andrea Erne. „Außerdem glauben wir, daß das Publikum seine Schlüsse selber ziehen kann.“ Nur einmal verweisen die Studenten über die Zeit des Wahlrechtskampfes hinaus, konfrontieren Photos aus dem Kaiserreich mit einer Aufnahme von Rudi Dutschke: Er und die Demonstranten von damals haben eines gemeinsam, das „Drohstarren“, jenen feindseligen Blickabtausch zwischen Polizei und Kundgebungsteilnehmern, der Stärke signalisieren sollte und das Umschlagen der Aggressionen in Gewalt zumeist verhinderte.