Von Paul Behrens

Hamburg

Eigentlich wollte Ruth Kellermann sich überhaupt nicht zu Wort melden und alles ihrem Anwalt überlassen. Das hätte sie besser auch getan, denn Sprache ist allemal verräterisch: Nur an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, wirft die grauhaarige Dame ein, habe sie das (Frauen-)KZ Ravensbrück besucht, „täglich hab’ ich dann vier oder sechs mir vorgenommen“. Als im Gerichtssaal Empörung laut wird, korrigiert Ruth Kellermann hastig: „Vorgenommen – das hieß, daß wir uns unterhalten haben.“ Unterhalten? Eine Rassenforscherin besuchte im Auftrag der Nazis ein KZ, um sich dort vier oder sechs Zigeunerinnen „vorzunehmen“ – da kann man sich den Charakter dieser Unterhaltung unschwer ausmalen.

Mit 40jähriger Verspätung ist auch Ruth Kellermann, 72 Jahre alt, von ihrer Vergangenheit eingeholt worden. Daß sie jetzt vor der 24. Zivilkammer des Hamburger Landgerichts ihre gutbürgerliche Reputation verteidigen will, geht auf eine tumultuöse Veranstaltung zurück, die Ende November letzten Jahres im Museum für Hamburgische Geschichte stattfand. Im Rahmen der Ringvorlesung „Frauenarbeit – Frauenleben“ sollte die Rassenforscherin über das Thema „Frauenarbeit im 19. Jahrhundert“ referieren. Wie kam es dazu?

Ruth Kellermann hat eine Menge studiert. In den 30er und frühen 40er Jahren galt das Interesse der promovierten Historikerin vor allem der Volks- und Rassenkunde; nach dem Krieg, als der Kurswert der Rassenkunde erheblich gesunken war, wandte sie sich der Sozialgeschichte zu. Als Sozialhistorikerin empfahl sie sich vor einiger Zeit den Mitarbeiterinnen der „Koordinationsstelle Frauenstudien/Frauenforschung“ an der Hamburger Universität. Die ahnungslosen Frauenforscherinnen freuten sich über die Seniorin in ihren Reihen und ließen Ruth Kellermann über Themen wie „Sozialgeschichte der Hausarbeit“ referieren.

Zu dem Vortrag im Museum für Hamburgische Geschichte aber kam es nicht. Mitglieder der „Rom und Cinti Union e. V.“ (RCU) sprengten die Veranstaltung. Giovanna Steinbach, eine Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, verschaffte sich Zutritt zum Rednerpult und – „Du hast meine Familie ins Lager gebracht!“ – spuckte der Referentin ins Gesicht.

RCU-Vorstandsmitglied Rudko Kawczynski las dem verdatterten Publikum ein Flugblatt vor. Ruth Kellermann, geborene Hesse, habe für das berüchtigte Rassenhygienische Forschungsinstitut in Berlin gearbeitet: zunächst als Angestellte, nach Heirat und Umzug nach Hamburg als freie Mitarbeiterin; ihre Aufgabe sei die Registrierung aller im damaligen Reichsgebiet lebenden Sinti und, vor allem, deren Klassifizierung in „Vollzigeuner“, „Mischlingszigeuner“ usw. gewesen; deshalb sei Ruth Kellermann mitverantwortlich für Sterilisation, Deportation und Ermordung von Sinti und Roma; damit der Ungeheuerlichkeiten nicht genug, sei ausgerechnet sie als Sachverständige für „Zigeunerfragen“ in Wiedergutmachungsverfahren hinzugezogen worden. Zur Bekräftigung der Vorwürfe folgte der Hinweis, daß die Staatsanwaltschaft „bereits gegen Kellermann wegen Beihilfe zum Mord“ ermittele. Nach anfänglicher Entrüstung über die „unpassenden Verkehrsformen“ der Roma und Sinti zeigten sich die Frauenforscherinnen denn auch bald „bestürzt und betroffen über den Verlauf dieses Abends“ und entschuldigten sich bei der RCU.