Vor 50 Jahren, vom 6. bis 16. Februar 1936, fanden in Garmisch-Partenkirchen die 4. Olympischen Winterspiele statt. Mit der Erinnerung an die ersten olympischen Tage in Deutschland beginnt nun auch auf der Ebene des Sports die Diskussion, von der manche meinten, daß sie mit der Rede des Bundespräsidenten am 8. Mai vorigen Jahres bereits ihren Abschluß gefanden hätte.

Olympische Spiele in Deutschland, das waren begeisternde sportliche Wettkämpfe, wie sie die Welt in dieser Perfektion und mit diesem Engagement der Zuschauer noch nie gesehen hatte – sie waren aber auch ein kalkuliertes Stück nationalsozialistischer Propaganda, mit dem das Grauen der NS-Zeit begleitet wurde. Wer heute nur den sportlichen Glanz feiert, der mit den Spielen ins Werdenfelser Land Einzug hielt, sollte nicht vergessen, daß die Nürnberger Rassengesetze bereits verabschiedet waren und ihren Schatten auf die Winterspiele warfen.

Die Organisation der Spiele war fest in der Hand eines überzeugten Nationalsozialisten. Nach dem Urteil des Office of Military Government for Germany war Karl Ritter von Halt, der Präsident des Organisationskomitees, in der Partei tief verwurzelt. Er gehörte zum Freundeskreis der Wirtschaft beim Reichsführer-SS Himmler und setzte diese Beziehungen ein, um das Winterspektakel für die NS-Regierung durchzuführen. So stelle er sicher, daß die Schilder „Juden sind hier unerwünscht“ nicht nur in Garmisch-Partenkirchen selbst, sondern auch in allen Städten und Dörfern an der Zufahrtsstraße von München für die Zeit der Spiele abgebaut wurden, um die internationale Öffentlichkeit zu täuschen. Die Behelfsbauten des Organisationskomitees standen auf dem Grundstück des in die Emigration geflohenen Juden Friediger, dem das Komitee nicht einmal einen Pachtvertrag anbot. Freie Meinungsäußerung war bereits nicht mehr möglich, Journalisten und Bürgern war unter Androhung von Berufsverbot und Sanktionen durch die Geheime Staatspolizei vom Organisationskomitee verboten worden, sich gegenüber ausländischen Journalisten zu äußern.

Tausende von Helfern wurden mobilisiert, um die minuziöse Durchführung der Spiele zu sichern. Mit Sonderzügen wurden die Zuschauer herangebracht: Garmisch-Partenkirchen setzte, wie Berlin im folgenden Sommer, den Maßstab, an dem spätere Spiele gemessen wurden. Dies war um so beeindruckender, als die Spiele 1932 in Lake Placid im Zeichen der Weltwirtschaftskrise und amerikanischer wintersportlicher Inkompetenz gestanden hatten. Auch die Begeisterung der Zuschauer brauchte in Garmisch-Partenkirchen nicht angeordnet zu werden sie war echt, denn es wurde begeisternder Sport geboten. Bei den offiziellen Anlässen wie der Eröffnungs- und Schlußfeier erwiesen sich die deutschen Zuschauer als gute Gastgeber und zollten auch den ausländischen Mannschaften rauschenden Beifall.

Als drei Wochen nach Ende der Winterspiele das entmilitarisierte Rheinland durch deutsche Truppen besetzt wurde, diente das Verhalten der Zuschauer bei den Olympischen Winterspielen Hitler in seiner Rechtfertigungsrede vor dem Reichstag als Beleg für die Friedensliebe der deutschen Bevölkerung: „Als vor einigen Wochen die französischen Gäste in das Olympia-Stadion von Garmisch-Partenkirchen einzogen, da hatten sie vielleicht Gelegenheit festzustellen, ob und in wie weit mir eine solche innere Umstellung des deutschen Volkes (Verständigung zu suchen) gelungen ist.“

Fünfzig Jahre nach den ersten Olympischen Spielen in Deutschland kann man nicht länger an der frommen Lüge festhalten, daß Sport und Politik nichts miteinander zu tun hätten. Man darf sich an die großartigen Sportler und ihre Erfolge nicht erinnern, ohne nicht auch an den Terror des Regimes zu denken, das sie zu verdecken halfen. Sportwettkämpfe, von einem totalitären Staat organisiert und finanziert, dienen zur Absicherung des Systems, das sich auch und gerade des Sports und der Freizeit bediente, um eine Kultur der Massenzustimmung zu erzeugen. Arnd Krüger