Eine neue Frage steht im Raum. Sie bringt vor allem sensible Naturen zunehmend in Verlegenheit. Nein, es hat weder die deutsche Frage (die ohnehin nur sonntags gestellt wird) Konjunktur noch die deutscheste aller Fragen (Warum ist es am Rhein so schön?). Es geht vielmehr darum, daß immer mehr Deutsche bei immer unterschiedlicheren Gelegenheiten einander immer öfter mit der Frage konfrontieren: Was kann ich für Sie (dich, euch) tun? Ob im Privatleben oder im Beruf, ob bei Fremden oder Freunden, in Gesprächen muß heute jeder jederzeit für diese Frage gewappnet sein. Bevor sie zum sinnentleerten Ritual verkümmerte, durfte die Frage anstandslos als Zeichen besonderer Zuvorkommenheit verstanden werden. Die Erkundung, ob irgendwelche Hilfe erwünscht sei, klang angenehm in den Ohren. Wer so fragte, verriet Wärme, Wohlwollen, ja Fürsorge für den Adressaten. Es war ihm beinahe zuzutrauen, daß er einem zu Diensten sein wollte.

Das hat sich geändert. Die neueste soziale Frage ist eine bloße Floskel und, so der dringende Verdacht, zumeist höchst unsozial gemeint. Beim Zahnarzt etwa oder beim Besuch einer Behörde mag sie noch ihr Gutes haben. Schließlich kann einem nichts Besseres passieren, als dort schnell und möglichst schmerz- wie problemlos zur Sache zu kommen. Darüber hinaus aber ist Vorsicht geboten, falls das einschlägige Fragezeichen gesetzt wird.

Was ist beispielsweise der alten Tante Sophie zu antworten, die modischen Jargon für einen Jungbrunnen hält, wenn sie die freundlich gemeinte Aufwartung jäh mit der brutalen Frage unterbricht? Was sie für einen tun kann, wird sich doch frühestens bei der Testamentseröffnung zeigen. Wie soll der Wunsch nach einer Gehaltserhöhung je in Erfüllung gehen, wenn der Chef die sorgsam einstudierte Ouvertüre mit dem fragenden Paukenschlag beendet? Welche Entgegnung ist angebracht, wenn der Politiker, der noch nie etwas für einen getan hat, plötzlich in unverfänglicher Frageform das Scheinangebot unterbreitet?

Um wieviel leichter war es doch, in zivilisierteren Zeiten angemessen zu reagieren. Was darf ich für Sie (dich, euch) tun, bekundete wenigstens genügend Demut, um dem Fragesteller ernsthaftes Interesse an den Wünschen des Gegenüber zuzutrauen. Womit kann ich Ihnen dienen? Das war geradezu ein Superlativ an Dienstfertigkeit, die man vertrauensvoll in Anspruch nehmen durfte. Was kann ich für Sie (dich, euch) tun, ist hingegen eine Frage, die wir eine Pistole gezückt wird. Sie veranlaßt den Gefragten geradezu, im Geiste die Hände hoch zu nehmen und seine eigene Hilflosigkeit einzugestehen. Vor allem aber erheischt sie schnelle, direkte Antwort.

Womit wir bei der Ursache für die Frage-Epidemie wären. Bei der Motivforschung kann der Altmeister des Zynismus, Charles Maurice Talleyrand, helfen. Seiner Erkenntnis nach dient die Sprache vornehmlich dazu, die eigenen Gedanken zu verbergen. In unserem konkreten Fall bedeutet das: Wer fragt, was er tun kann, drängt in Wirklichkeit darauf, etwas zu lassen – das Zuhören, beispielsweise, oder das Reden mit dem Gesprächspartner überhaupt. Zeitgewinn heißt also die Devise.

Weil sich die Frage somit als sehr praktisch erweist, ist auch ihre Herkunft schnell zu ermitteln. Natürlich kommt sie aus Amerika. What am I do for you? hat sich drüben schon seit langem als zeitsparendes Instrument und somit als sehr nützlich erwiesen.

Was bietet sich als Antwort auf die Frage-Offensive an? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Zunächst einmal empfiehlt sich die Retourkutsche: Genau das wollte ich Sie (dich, euch) fragen. Auch schlichtes Überhören hat sich bewährt. In hartnäckigen Fällen jedoch verspricht ein klares Wort den durchschlagendsten Erfolg. Was kann ich für Sie (dich, euch) tun? Nichts! Ein freundliches Lächeln dazu wird den Fragesteller mit Sicherheit in seine Grenzen verweisen und an die eigene Hilfsbedürftigkeit erinnern. Dieter Buhl