Von Ernst Klee

Der evangelische Pfarrer des baden-württembergischen Fremdenverkehrsortes Schramberg ist ein strafebedürftiger Sünder in den Augen seiner Vorgesetzten. Die Kirchenleitung hat ihn erst zwangsbeurlaubt. Dann hat sie ihn durch Auskünfte über sein Intimleben an den Pranger stellen lassen. Jetzt hat sie ihn entlassen; damit nicht genug, er hat auch noch Berufsverbot als Pfarrer gekriegt.

Im September lasen die Leser der Schwäbischen Zeitung, der Stuttgarter Oberkirchenrat Werner Klotz habe dem Blatt mitgeteilt, gegen den Schramberger Seelsorger sei ein Disziplinarverfahren eingeleitet: "Als Grund für den harten Schritt der evangelischen Landeskirche gibt Dr. Klotz Fehlverhalten des Pfarrers im persönlichen Bereich an." Nach Informationen des Oberkirchenrats werde sich der Pfarrer – der Name ist ausgedruckt – "scheiden lassen".

In der Oktoberausgabe breitete der Gemeindebrief der Kirchengemeinde weitere Details aus: "Herr Pfarrer ... hat eine außereheliche Liebesbeziehung. Er hat sich vor dem Kirchengemeinderat dazu bekannt, daß er Schuld auf sich geladen hat." Der Rat wollte sich aber nicht zum Richter aufwerfen: "Kein Grund, ihn als Person und Pfarrer fallen zu lassen ... Der Pfarrfamilie sollte Zeit und Raum gegeben werden, um ihre Probleme ohne Druck von außen zu bereinigen." Die Kirchenleitung war anderer Meinung.

In der Gemeinde kursieren Vermutungen, die Kirchenleitung habe einen Vorwand gesucht, den Pfarrer zu schassen: "Er hat eine Friedensinitiative gegründet, eine Selbsthilfegruppe für Arbeitslose und hat auch mit der Gewerkschaft zusammengearbeitet. Da wird man schnell in die rote Ecke gestellt." Ein Amtskollege aus der Region: "Er war gegenüber allen Obrigkeiten kritisch. Da hat sich etwas angesammelt." Jeder bittet, daß sein Name nicht genannt werde.

Auch die Ehefrau des Schramberger Pfarrers scheint mit dem Vorgehen der Kirchenleitung unzufrieden: "Die denken, das kann man mit dem Gericht regeln. Es gab ein Gespräch mit meinem Mann und mit mir, dann ist die Geschichte ans Gericht weitergegangen." Die leitenden Herren hatten es eilig, den Sünder vor die kircheneigene Gerichtsbarkeit zu zerren.

Der Pfarrer wird von Gemeindemitgliedern als "sehr ehrlicher Mann" beschrieben. Wäre er weniger ehrlich gewesen, hätte er den Mund gehalten, und es wäre ihm nichts passiert. Viele seiner Amtsbrüder und -schwestern wissen ohnedies, daß sie bei Eheschwierigkeiten Kollegen und Vorgesetzte besser meiden. Denn die Grenzen zwischen seelsorgerlichem Gespräch und disziplinarisch verwertbarer Selbstbelastung sind fließend.