Die 270 000 Hektoliter Wein, die seit dem Sommer vergangenen Jahres unter Verschluß in österreichischen Weinkellern lagern, sind von besonderer Sorte: Sie sind mit dem Frostschutzmittel Glykol versetzt. Österreichs Richtern dienen sie als Beweismittel gegen die beschuldigten Weinhändler. Doch was soll mit dem süßen Gesöff werden, wenn einmal die Urteile gesprochen sind? Diese Frage stellen sich bang die zuständigen Behörden.

Die Beamten des Wiener Landwirtschaftsministeriums prüften jeden noch so kühnen Vorschlag. Könnte man das süße Gift nicht in stillgelegten Ölbohrlöchern nordöstlich von Wien in ein paar tausend Meter Tiefe still versickern lassen? Penibel nahm das Ministerium Kontakt auf mit der staatlichen österreichischen Mineralölverwaltung. Doch es kam ablehnender Bescheid, Die Löcher werden schon für Abwässer benötigt.

Man könnte, so ein anderer Vorschlag, die Glykolweine über Felder und Fluren versprühen. Das danach gefragte Gesundheitsministerium erklärte sich jedoch für unzuständig, weil Glykolwein keinen gefährlichen Sondermüll darstelle. Der Vorschlag blieb unerledigt. Nun erbot sich die Zementindustrie, den offiziellen Weinverwaltern aus der Patsche zu helfen. Eine Fabrik in Wien benötigt Unmengen von Wasser für die Kühlung ihrer Öfen und wäre bereit, dort eine Zeitlang Rebensaft zuzusetzen. So könnten die hauseigenen Quellen geschont werden, und Wein samt Glykol würde, ganz wie es die Politiker in Österreich erträumen, verbrennen und verpuffen.

Der Traum wäre allerdings nicht billig, die hauseigene Kühlung verträgt zur Zeit noch keinen Wein. Die Zementfabrik müßte ihre Anlagen vorher auf Glykolwein umrüsten, was nur durch einen angemessenen Preis pro Liter getilgten Weines finanziert werden könnte. Wer aber soll das bezahlen? Die Eigentümer der beschlagnahmten Weine sind zum größten Teil pleite, viele im Gefängnis. Ein weiterer Weg: Wird Glykolwein zu Branntwein destilliert, könnte das Glykol entweichen, wie erste Versuche angeblich schon gezeigt haben. Doch auch die hoffnungsfrohen Beamten mögen nicht recht an einen Erfolg des Glykol-Brandy glauben.

So liegt das Problem des verschmutzten Weines den Beamten weiter schwer im Magen. Im unseligen Jahr 1985 hatte wenigstens Petrus ein Herz und ließ die Weinernte im Herbst so gering ausfallen wie schon lange nicht mehr. Aber bis zur nächsten Ernte muß eine Lösung her.

Einfach wegschütten kann man das Zeug eben nicht. Schon im vergangenen Jahr, als Händler ihren Wein noch rechtzeitig vor Eintreffen der Untersuchungsbehörden loszuwerden suchten, zeigten sich böse Folgen. Weil die Kläranlagen mit dem Glykolwein nicht fertig wurden, starben massenhaft die Fische in den Seen.

So bleibt nur eine Hoffnung: Vielleicht finden sich doch noch genügend Experten, die versichern, Glykol in kleinen Mengen sei absolut ungefährlich. Dann könnte man den Wein doch noch an den Mann bringen.

Irmgard Bayer