Von Nina Grunenberg

Wie ein verdrossener Jungstar, dem der Beifall fehlt, haderte Oskar Lafontaine mit seinem Schicksal. "Vergessen Sie nicht", sagte er, "ich habe ihn nicht gewollt" – den Stuhl des Ministerpräsidenten an der Saar. "Aber es gibt Grenzen des Sichdrückens." Er hatte doch gesiegt. Nun saß er da in seinem frisch gestrichenen Arbeitszimmer am Rande der Republik und kam sich wie geknebelt vor, Oberbürgermeister von Saarbrücken wäre er lieber geblieben. Da herrschte wenigstens Ordnung. Auch Ministerpräsident von Bayern oder Baden-Württemberg wäre er gern geworden: "Die schwimmen im Geld." Ihm fehlt es. Ist das gerecht? Das Gefühl, daß seine Entscheidungen in Sachen Arbed Saarstahl Tausende von Arbeitnehmern in ihrer Existenz treffen, ohne daß er genau weiß, ob er das Richtige tut, bedrückt ihn. Zu Stoltenberg hat er keinen Draht, der Finanzminister mag ihn nicht. Lafontaine wird das überleben. Bonn kann ihn nicht hängenlassen. Aber wenn er alles bedenkt, dann fragt er sich doch: "Was ist an Lebensqualität mit einem öffentlichen Amt verbunden?"

Niemand hat Mitleid mit Oskar Lafontaine, auch seine Parteifreunde nicht. Das Karriereverständnis der SPD verlangt, daß der Nachwuchs seine eigene Tragik erfährt, bevor er aufsteigen darf. Für sie steht "König Oskar" jetzt auf dem Prüfstand. Von allen SPD-Enkeln ist er derjenige, der am meisten verspricht und der dennoch zwiespältige Gefühle weckt. Er will an die Macht – oder ist sein Anspruch auf Lebensqualität mehr als nur eine kokette Floskel aus dem politischen Stimmungsrepertoire der achtziger Jahre?

Enkel gibt es in allen Parteien. Auch wenn er sich frühzeitig schon selber zum Enkel Konrad Adenauers ernannte, hat die CDU nicht nur Helmut Kohl. Der Nachwuchs, den der Bundeskanzler sieht, ist für ihn zwar "nicht zwingend", wie berichtet wird, aber es gibt Hoffnungen. In der Bundestagsfraktion der CDU/CSU ist die Auslese mager. Die erste Führungsgarnitur ist nach dem Regierungswechsel ins Kabinett abgewandert. Um so größer ist die Aufmerksamkeit, die Volker Rühe als einsamer Stern in der Fraktion auf sich zieht. Der Hamburger fasziniert nicht durch eine Gloriole, sondern durch soliden Sachverstand in der Deutschland- und Ostpolitik.

Es ist ein Gebiet, auf dem die Union während der Oppositionsjahre wenige Sterne vorführte, aber viele schwarze Löcher. Wer außenpolitische Interessen verfolgte, mußte in den siebziger Jahren in eine andere Partei eintreten als die CDU/CSU. Es war Rühes Verdienst, daß er die mit fünfzehnjähriger Verspätung begonnene ostpolitische Debatte mit seinem Wort von der "Bindungswirkung", die der Warschauer Vertrag auch für ein wiedervereinigtes Deutschland habe, für die Union auf den Begriff brachte.

Wer sind die Enkel? Es war Willy Brandt, der die Debatte nach der verlorenen Bundestagswahl 1983 begann. Die SPD hatte im Wahlkampf einen verbrauchten Eindruck gemacht. Nicht nur das Programm ließ sie vermissen, sondern auch die "Hoffnungsträger". Die Enkel, die Brandt als erste "aus dem Hut zog" (SPD-Sprecher Wolfgang Clement), waren Oskar Lafontaine im Saarland, Björn Engholm in Schleswig-Holstein, Gerhard Schröder in Niedersachsen, Rudolf Scharping in Rheinland-Pfalz und Volker Hauff, der im hessischen Kommunalwahlkampf als Herausforderer von CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann in Frankfurt antreten sollte. Bonner Journalisten glaubten damals zu wissen, daß dies die jungen Linken sind, die dem Herzen des 72jährigen am. nächsten stehen. Aber mit Sentimentalitäten gibt sich Willy Brandt im politischen Geschäft nicht ab. Nicht zufällig war jeder der Nachwuchspolitiker, die er öffentlich bekannt machte, Spitzenkandidat in einer Landtagswahl (oder Kommunalwahl). Die Aura als Brandt-Enkel steigerte ihren Wert in den eigenen Reihen.

Die spielerisch ins Werk gesetzte Enkel-Operation traf die Generation der Fünfzig- bis Sechzigjährigen anscheinend kalt. So beiläufig waren die Partei-Hierarchen noch nie beiseite geschoben worden: Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Horst Ehmke, Klaus von Dohnanyi, Hans Koschnick, Egon Bahr, Hans Apel. Die Väter reagierten süß-sauer, mürrisch oder trugen ihr verletztes Ego auch offen zur Schau. Die Jüngeren hatten es befürchtet. Als Gerhard Schröder von seiner Ernennung erfuhr, war er im ersten Moment geschmeichelt, im zweiten durchfuhr ihn der Gedanke: "Um Gottes willen, das geht schief, die Miete zahlen doch die Väter."