Von Robert Leicht

Die politische Kultur der Bundesrepublik ist von Anfang an ein gefährdetes Kunstprodukt gewesen. Nach dem Dritten Reich läßt sich eben auf lange Zeit kein Staat wie jeder andere machen. Je trotziger man hierzulande die Normalität beschwört, desto deutlicher tritt das Gegenteil hervor. Dies zeigt sich vor allem am ganz normalen Antisemitismus, der gegenwärtig einen beklemmenden Aufschwung nimmt.

Vor knapp einem Jahr noch erweckte der Streit um das Gesetz gegen die "Auschwitz-Lüge" den Anschein, als genüge es, einigen unbelehrbaren Ewig-Gestrigen mit dem Büttel zu drohen – schon sei der leidige Rest an Vergangenheit bewältigt. Inzwischen aber regen sich, immer öfter und ganz unverhohlen, die Ewig-Heutigen in antisemitischen Ausfällen, denen offenbar mit keinem Gesetz der Strafe, der Vernunft, des Anstandes beizukommen ist.

Als im Zusammenhang mit dem Verkauf der Flickschen Unternehmen die Frage nach einer Entschädigung für die ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiter aufkam, war der CSU-Abgeordnete Hermann Fellner sogleich zur Stelle mit dem infamen Vorwurf, "daß die Juden sich schnell zu Wort melden, wenn irgendwo in deutschen Kassen Geld klimpert". Später nahm, natürlich, Fellner seine Worte zurück. Bis wohin?

Im Januar sagte der Bürgermeister von Korschenbroich, Graf von Spee, während der Etatberatungen in seiner Gemeinde, daß "für den Ausgleich des Haushaltes einige reiche Juden erschlagen werden" müßten. Auch Spee nahm, natürlich, seine Worte zurück. Aber wer von denen, die sie gehört haben, kann sie ihm zurückgeben? Kurz darauf verbreitete sich der Kreisvorsitzende der Jungen Union in Esslingen, Thaddäus Kunzmann, "über die Arroganz Israels, unseren demokratischen Rechtsstaat für die Judenmorde im Dritten Reich verantwortlich zu machen". Auch Kunzmann nahm, natürlich, seine Worte zurück...

Neu ist nicht der Vorrat an antisemitischen Tendenzen, sondern die Schamlosigkeit, mit der dieses Repertoire wieder aufgenommen wird. Offenbar verliert das deutsche Tabu nach Auschwitz immer mehr an Verbindlichkeit. Man läßt sich wieder gehen und sagt, die Verhältnisse auf den Kopf stellend – im Originalton Fellners: "Ich fühle mich in Verlegenheit gebracht, wenn ich meine Meinung dazu nicht mehr sagen darf und schon gewärtig sein muß, daß ich als Judenhasser oder sonst was hingestellt werde." Als was sonst?

Weshalb ließ Bundeskanzler Helmut Kohl die Äußerung dementieren, wie Fellner denke eine überwältigende Mehrheit der Deutschen? Er hat doch so unrecht nicht mit dieser Ansicht. Zur Lockerung des Tabus hat ohnedies auch Kohl selbst beigetragen: durch seinen peinlichen Versuch, in Israel für richtig normale Beziehungen zu werben, wie durch die fatale Rede von der "Gnade der späten Geburt", selbst wenn auch er zwischendurch manches zurückgenommen hat. Doch wäre es zu einfach, wollten sich alle mit dem Verweis auf diesen Kanzler entlasten. Die Idee, beispielsweise die Exportpolitik in den Nahen Osten zu "normalisieren", ist ja schon vor Kohl aufgekommen.