Die Pläne wurden erfüllt, aber die Modernisierung kommt kaum von der Stelle

Als Werner Schuchardt aus dem sächsischen Zschorlau Ende letzten Jahres der Zeitschrift Eulenspiegel mitteilte, er sei auf einen Vorrat an Kohlenzangen gestoßen, erhielt er von Eisenach bis Warnemünde so viele Bestellungen, daß er dem Blatt in einem weiteren Brief mitteilen mußte, daß er „bald 75, alleinstehender Rentner und kein Versandhaus“ sei. Er bat deshalb alle Besteller um etwas Geduld. Der streßgeplagte alte Herr wunderte sich: „Es müßte sich doch in unserer Republik ein metallverarbeitender Betrieb finden, der im Rahmen der Konsumgüterproduktion Kohlenzangen herstellt.“

Vielleicht könnte der VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg diese Aufgabe übernehmen, anstatt veraltete Geräte auf Halde zu produzieren. Schon auf der Leipziger Messe 1984 hatte der Dresdner Haushaltswarenhandel eine ursprüngliche Bestellung von 1400 Maschinen des alten Typs auf 200 reduziert; denn damals kamen neue Gerätetypen auf den Markt. Der Schwarzenberger VEB lieferte aber ungerührt die 1400 unverkäuflichen Waschmaschinen. Sie füllen nun eine Lagerhalle im mecklenburgischen Malchow. Das sei zwar nicht gerade Dresdner Einzugsgebiet, meinte der Eulenspiegel, aber: „Es hätte schlimmer kommen können. Kilometermäßig gesehen.“

Mit solchen Berichten aus dem real existierenden Sozialismus, die sich nur Satiriker leisten können, werden jene Erfolgsmeldungen relativiert, die die Parteipresse derzeit fast täglich druckt. So teilte das Kombinat Haushaltsgeräte Karl-Marx-Stadt soeben „dem lieben Genossen“ Erich Honecker mit, daß das vergangene Jahr das erfolgreichste in der Geschichte des Kombinats gewesen sei – zu dessen Betriebe gehört auch das Schwarzenberger Waschgerätewerk.

Umgekehrt ließen sich die Werktätigen aus Schwarzenberg auch von ihrem obersten Genossen beflügeln. Seine Rede auf der letzten Tagung des SED-Zentralkomitees habe sie „dazu motiviert, konsequent und mit großer Entschlossenheit nun erst recht alles zu tun und hohe Anstrengungen zu unternehmen, um mit der uns zur Verfügung stehenden Kraft unseren Beitrag zu leisten, um den Frieden in der Welt sicherer zu machen“. Wenn durch Überproduktion Frieden in der Welt sicherer gemacht werden kann, scheint es ihnen offensichtlich gleichgültig zu sein, ob die Ware beim Verbraucher oder in der Lagerhalle landet.

Schon immer wurde der Wirtschaftsalltag ideologisch überhöht, indem die ganz gewöhnliche Produktion nicht nur dem wirtschaftlichen Wachstum, sondern den höheren Weihen eines bevorstehenden Ereignisses – meist Parteitagen – dient.

Gleichwohl ist das Wirtschaftsergebnis des vergangenen Jahres recht beachtlich. Der Fünfjahrplan von 1981 bis 1985 wurde indes nicht ganz erfüllt. Ölpreissteigerungen, Rohstoffknappheit und der Zwang, die hohen Schulden im Westen abzubauen, haben die ersten Jahre des Planjahrfünfts erheblich belastet. Der Energieverbrauch wurde deutlich gesenkt, ist freilich je Einwohner noch immer um zwanzig Prozent höher als in der Bindesrepublik. Der Anteil des Mineralöles sank in den vergangenen fünf Jahren von siebzehn auf zehn Prozent.

Im Westhandel erzielte die DDR seit 1982 beträchtliche Überschüsse; ihre Nettoverschuldung sank von 11,3 Milliarden Dollar 1980 auf jetzt rund sechs Milliarden Dollar. Das ist unter anderem eine Folge der Öleinsparungen im eigenen Lande, denn ein großer Teil der Exportsteigerungen wurde durch den Verkauf von Rohöl und Mineralölerzeugnissen erzielt, nicht aber durch Investitions- und Verbrauchsgüter.

Die Pläne des vergangenen Jahres wurden fast alle übererfüllt. Das Nationaleinkommen wuchs um 4,8 Prozent, die Industrieproduktion um 4,4 Prozent. Auch die Verbraucher steigerten ihren Konsum. Der Einzelhandel setzte 4,2 Prozent mehr Waren um. Investitionen, die in den letzten drei Jahren planmäßig zurückgingen und 1985 stagnieren sollten, stiegen um zwei Prozent.

Dies alles hat seine Ursache weniger in sozialistischen Wettbewerben oder Parteitagsinitiativen. Die guten Wirtschaftsergebnisse sind eher eine Folge vorsichtiger, aber recht durchdachter Veränderungen im Planungs- und Leitungssystem. In den letzten Jahren wurden die Kombinate aufgewertet und die Vereinigungen Volkseigener Betriebe (WB) abgeschafft; daraus folgte eine Verkürzung des Informationsweges. Während die WB eine Art Holdinggesellschaft waren, eine bürokratische Instanz zwischen Betrieben und Industrieministerien, sind Kombinate eher mit Konzernen vergleichbar, denen meist sämtliche Betriebe einer Produktsparte unterstehen.

Außerdem wurde das Planungssystem und betriebswirtschaftliche Instrumentarium umgestaltet und verfeinert. Der Gewinn nimmt nun stärker als bisher die Rolle eines Steuerungsmomentes ein; das Preissystem wird etwas beweglicher gehandhabt. Zwar bleiben die Industriepreise im Prinzip auch weiterhin Kostenpreise, die sich nach staatlichen Kalkulationsrichtlinien bilden, aber durch eine stärkere Differenzierung sowie durch Preiszu- und -abschläge sollten die Betriebe zu rentablerer und modernerer Produktion stimuliert werden; so sind zum Beispiel Extragewinne für neue Erzeugnisse jetzt möglich.

Über neunzig Prozent des Zuwachses des Nationaleinkommens beruhen auf Produktivitätssteigerungen. Mehr als 5000 neue Erzeugnisse, Verfahren und Techniken seien 1985 in die Produktion eingeführt worden, meldet der Planerfüllungsbericht. Die Produktion mikroelektronischer Erzeugnisse sei um 22 Prozent gestiegen. In Zukunft soll der verstärkte Einsatz moderner Produktionstechniken weitere Erfolge bringen.

In den Briefen der Kombinatsleitungen an Generalsekretär Honecker wird das Parteichinesisch inzwischen vom Computer-Slang verdrängt. Auch Zeitungslesern bleibt dieser Briefwechsel nicht erspart. So erfahren sie zum Beispiel aus einem veröffentlichten Brief des Kombinats Robotron, einer der Schlüsselbetriebe der mikroelektronischen Industrie der DDR, an den obersten Genossen, daß das Unternehmen der Volkswirtschaft 1986 rund „10 000 Stück 8-Bit-Personalcomputer PC 1715, 1000 Stück 8-Bit-Bürocomputer A 5120/A 5130, 200 Stück 16-Bit-Arbeitsplatzcomputer A 7100, 30 Stück Kleindatenverarbeitungsanlagen K 1630 und 4 Stück ESER-EDVA EC 1056“ bereitzustellen gedenkt. Und das zum Zweck der „Breitenanwendung von CAD/CAM“.

In nahezu allen Kombinaten werden CAD/CAM-Arbeitsplätze geschaffen, CAD/CAM-Techniken eingeführt, CAD/CAM-Lehrgänge abgehalten und CAD/CAM-Demonstrationszentren eingerichtet. Was das alles heißt, wird dem unkundigen Leser selten erläutert. Nur der Minister für Werkzeug- und Verarbeitungsmaschinenbau, Rudi Georgi, umschreibt CAD/CAM in einem Interview mit „rechnergestützte Konstruktion und Produktion“; der Begriff kommt aus dem Englischen und heißt „Computer aided design“ und „Computer aided manufacturing“.

Georgi kritisiert, daß die ökonomische Verwertung wissenschaftlicher Ergebnisse noch mangelhaft sei. „Es dauert noch zu lange, bis neueste Entwicklungen aus der Forschung oder den Konstruktionssälen den Weg in die Produktion finden und nach kurzen Einlaufkurven rationell gefertigt werden.“ Ohne die neue Technik, meint Georgi, seien aber die erforderlichen Intensivierungseffekte nicht erreichbar. „Insgesamt steht uns da eine gewaltige Aufgabe ins Haus. Denn gleichlaufend mit dem Einsatz der CAD/CAM-Technik muß auch die Qualifizierung Tausender Werktätiger laufen.“

Noch hat die DDR einen erheblichen Nachholbedarf bei der Einführung der Computertechnik und der Produktionsautomatisierung. Numerisch gesteuerte Werkzeugmaschinen sind eher die Ausnahme als die Regel. Industrieroboter stehen noch als technologische Inseln im Produktionsprozeß.

Angesichts der großen Pläne kommen die Produkte des Alltags – wie seit Jahrzehnten – noch immer zu kurz. So berichtete beispielsweise eine Leserin dem Eulenspiegel, es gebe derzeit zwar genug Wolle, dafür aber keine Stricknadeln der Stärken vier, fünf und sechs. Joachim Nawrocki