Von Henryk M. Broder

Als Schlomo Lahat im Frühjahr 1973 für das Amt des Bürgermeisters von Tel Aviv kandidierte, ließ er sich von seinen Parteifreunden raten, was er tun sollte, um gewählt zu werden. „Das waren lauter chronische Verlierer. Die Liberalen hatten in der Stadt seit 15 Jahren nichts mehr zu sagen, und das Beste, was ich tun konnte, war, genau das Gegenteil von dem zu tun, was sie mir empfahlen.“

Und so wurde Schlomo Lahat, heute 59, Anfang Februar 1974 Bürgermeister der Stadt Tel Aviv, bis dahin eine Hochburg der Arbeiterpartei. Lahat war 27 Jahre lang Berufssoldat gewesen, zuletzt im Range eines Major-General, hatte keinerlei politische Erfahrung und außer Selbstvertrauen nichts vorzuweisen.

Seitdem schaffte es Schlomo Lahat noch zweimal, zuletzt mit 59 Prozent der Stimmen. Für den Likud, die gemeinsame Plattform der Liberalen mit der nationalistischen Herut-Bewegung, stimmten nur 44 Prozent der Wähler. So regiert im eigentlich „roten“ Tel Aviv ein Likud-Mann, während im „schwarzen“ Jerusalem, wo bei den Knesset-Wahlen zwei Drittel für den Likud stimmen, der Sozialdemokrat Kollek das Sagen hat. Beide gehören sie zur „alten Garde“ der aus Europa eingewanderten „Aschkenasim“, sind Teil des Polit-Establishments, das seit Ben Gurions Zeiten das Land regiert. „Teddy“ stammt aus der Nähe von Budapest und „Tschik“, wie Lahat gerufen wird, wurde 1927 in Berlin als Salo Lindner geboren. Nachdem der Vater, ein Textilfabrikant, im Jahre 1933 einen NSDAP-Mann geohrfeigt hatte, mußte die Familie Hals über Kopf Deutschland verlassen. Die Lindners gingen nach Palästina, und Salo hieß fortan Schlomo.

Die Likud-Liberalen oder die „Liberalen“, wie sie heute genannt werden, stellen eine Funktionärstruppe ohne eigene Kundschaft dar, einen Unternehmerclub, dem es um politische Einflußnahme und organisatorisches Überleben geht. Lahat wollte nie Abgeordneter oder Minister werden – „Warum sollte ich eine Dauerstellung gegen einen Gelegenheitsjob tauschen? – und in der Partei vertritt er kaum mehr als sich selbst: „Wenn ich in einem Gremium einen Vorschlag mache, bekomme ich zwei Stimmen: meine eigene und eine zweite von jemand, der mich nicht verstanden hat.“

Im Rathaus von Tel Aviv aber regiert er wie ein Souverän von seinem Büro im 12. Stock am „Platz der Könige Israels“, sagt, was gemacht werden soll, und so wird es dann gemacht. „Tschik“ ist ein autoritärer Pragmatiker, der sich ohne größere Bedenken über Verordnungen und Vorschriften hinwegsetzt, wenn nötig, auch über diejenigen, die er selbst erlassen hat. Jerusalem ist eine Heilige Stadt“, sagt er, „aber Tel Aviv ist eine menschliche Stadt, bei uns gilt: leben und leben lassen.“ Und das bedeutet: gelegentlich beide Augen zudrücken. 26 von 31 Tel Aviver Kinos haben am Freitagabend, dem Beginn des Sabbat, auf, am Samstagvormittag laufen in sieben Kinos Kinderfilme, obwohl die kommunale Verfassung den Betrieb von Vergnügungsstätten am Sabbat untersagt. Wie macht er das? „Ganz einfach. Die Kinos machen auf und verkaufen Karten, das reicht.“

Als Lahat das Rathaus übernahm, war Tel Aviv am Freitagabend „eine tote Stadt“, die Jugendlichen wußten nicht, was sie machen sollten, sie zogen rum, belästigten Leute, „es war schlimmer als in Chicago, wir mußten ihnen irgend etwas bieten, um sie von der Straße zu holen“. Und als vor kurzem in der Nachbarstadt Petach Tikva der (sozialdemokratische) Bürgermeister die Gemeindeordnung ändern wollte, um ein Kino am Freitagabend aufmachen zu können und daraufhin die religiösen Stadträte protestierten, riet Lahat dem Kollegen: „Dov, sei kein Narr, laß die Gemeindeordnung wie sie ist und mach das Kino auf.“

Nach diesem Muster geht Lahat selbst vor, nimmt Protest, manchmal auch Krawall in Kauf. Im Frühjahr des vergangenen Jahres startete das Habima-Theater ein „Kultur-am-Sabbat“-Programm für „Leute, die nicht in die Synagoge gehen und auch nicht zu Hause bleiben wollen“. Hunderte von Orthodoxen demonstrierten gegen die Verletzung des „Status quo“, wie in Israel das fragile Gleichgewicht zwischen der religiösen Minderheit und der säkularen Mehrheit genannt wird. Lahat gab nicht nach, das Sabbat-Kulturprogramm ging weiter, die Demonstrationen auch, schließlich einigte.man sich auf einen Kompromiß: die Karten für die Talk-Shows wurden während der Woche verkauft, so daß wenigstens die Theaterkasse am Samstag geschlossen blieb. „Und dank der Demonstrationen hatten wir immer ein volles Haus.“

Mit was für Problemen sich ein israelischer Bürgermeister beschäftigen muß, kann sich ein deutscher Kommunalpolitiker kaum vorstellen. Am Samstag fahren in Tel Aviv keine öffentlichen Busse ans Meer, dies gehört mit zum „Status quo“ der Stadt, eine Regelung, die noch aus den Tagen des britischen Mandats stammt. Seit einigen Jahren gibt es nun einen Sabbat-Pendelverkehr zwischen den ärmeren Stadtvierteln und dem Strand. Wer hat der Bus-Kooperative „Dan“ die Erlaubnis gegeben? „Niemand. Die machen es ohne eine Erlaubnis. Ich hab gesagt: Geht hin und seht zu, daß die Leute ans Meer kommen.“ Kurz vor den letzten Wahlen machte die religiöse Fraktion im Stadtrat diesen „Skandal“, von dem jeder wußte, zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion. Lahat ist sicher, daß es ihm bei der Wiederwahl geholfen hat.

Ähnlich pragmatisch hält es „Tschik“ auch mit dem gesetzlichen Verbot, Schweinefleisch zu verkaufen. Genaugenommen ist nicht der Verkauf von Schweinefleisch untersagt, sondern dessen Vorratshaltung, was bei den Temperaturen im Lande auf dasselbe hinausläuft. Dennoch ist es in Tel Aviv kein Problem, Schweinefleisch zu bekommen, „bassar lawan“, weißes Fleisch, wie es unter Feinschmeckern heißt. Lahat deutet in Richtung Fenster, „da gegenüber, auf der anderen Straßenseite, können Sie so viel weißes Fleisch bekommen, wie Sie wollen ...“ In mancher Beziehung gehe es in Israel ziemlich scheinheilig zu, wenn die Fassade stimme, sei dahinter alles möglich.

Lahat gehört zu denjenigen im Lande, die um den relativen Wert von Prinzipien Bescheid wissen. „Ich bin vielleicht verrückt, aber ich bin kein Idiot. Meine Beamten haben Wichtigeres zu tun als Metzgereien zu kontrollieren.“ Könnte man dann nicht sagen, daß ausgerechnet der Bürgermeister bestehende Gesetze mißachtet? „Meinetwegen. Es kommt eben darauf an, was Sie erreichen wollen. Wollen Sie die Trauben haben oder wollen Sie mit dem Wachmann diskutieren? Wenn Sie mit dem Aufpasser argumentieren wollen, dann gehen Sie hin und versuchen Sie, das Gesetz zu ändern. Aber wenn es Ihnen auf die Trauben ankommt, dann klettern Sie über den Zaun und lassen sich dabei nicht erwischen. Verstehen Sie?“

Spricht so ein Stadtoberhaupt, das für die Einhaltung von Recht und Ordnung sorgen soll, ein alter Berufssoldat, der Befehlen und Gehorchen gelernt hat? „Mein ziviler Beruf ist Offizier“, witzelt Lahat, um gleich zu versichern: „Aber ohne militärische Ansichten.“ Er zähle sich, wie der größere Teil des General-Korps, zu den „Tauben“ im Lande. Die „Falken“ seien meist Leute, „die noch nicht mal am Telephon einen Schuß gehört“ hätten. Und ausgerechnet „diese Schreier und Superpatrioten“ seien entschlossen, „bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen, solange es sich um mein Blut handelt.“

Schlomo Lahat ist der zivilste Militarist, den man sich vorstellen kann. Im Sommer letzten Jahres sorgte er für Aufregung, als er sich für einen sehr weitreichenden „territorialen Kompromiß“ mit Jordanien aussprach, für die Rückgabe der besetzten Gebiete mit Ausnahme von Jerusalem. Wenn das Problem der Besatzung, des Zusammenlebens mit den arabischen Nachbarn nicht bald gelöst werde, laufe Israel Gefahr, an sich selbst kaputtzugehen. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir begriffen haben, daß es nicht genügt, einen Staat zu haben. Worauf es noch mehr ankommt, ist, was für eine Gesellschaft wir aufbauen wollen, ob wir auf die Dauer in einem Belagerungszustand leben können, der uns korrumpieren muß ...“

Israel sei heute weniger attraktiv als in den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens. Die jungen Israelis sehen, daß Gleichaltrige in Europa und USA ein besseres Leben führen. Es sei ganz verständlich, „daß unsere Kinder ihr Glück im Ausland versuchen wollen, und die Juden aus der Diaspora uns besuchen kommen, mit uns solidarisch sind, alles, nur nicht bei uns bleiben wollen ...“

In einem Land, das 28 Prozent seines Bruttosozialprodukts für Verteidigung ausgibt, müssen andere Dinge zu kurz kommen. Und deswegen, so fordert Major-General Lahat, muß die Militärzeit, derzeit drei Jahre, gekürzt werden, muß ein Teil des Geldes „konstruktiven Zwecken“ dienen. „Unsere Stärke kommt nicht allein aus unserer militärischen Kraft her, sie ist eine Frage der Moral und der Motivation. Wenn wir keine moralischen Forderungen an uns stellen, wird uns auch die militärische Potenz nichts nutzen. Schauen Sie sich an, wohin uns der Libanon-Krieg geführt hat...“

Mit solchen Ansichten steht Lahat der Peace-Now-Bewegung und dem linken Flügel der Arbeiterpartei näher als den Liberalen. Über einen seiner Parteifreunde, den Tourismus-Minister Avraham Scharir, witzelt Lahat, der sei „ein netter Kerl“, aber wenn er könnte, wie er möchte, „würde er nicht nur die Westbank, sondern auch Kuwait annektieren“, wie überhaupt die Liberale Partei „nur dem Namen nach liberal“ wäre. Mitte Januar gründete er mit einigen Dissidenten die „Liberal Center Party“. Schon wird spekuliert und gerechnet: Wenn es zu vorgezogenen Neuwahlen kommen sollte, das „Rotationsabkommen“ zwischen Jitzhak Schamir und Schimon Peres gegenstandslos würde und die Arbeiterpartei die „Regierung der nationalen Einheit“ zugunsten einer kleinen Koalition aufgeben möchte, dann braucht sie Verbündete. Eine neue Partei der Mitte käme da gerade gelegen. Und dann könnte Schlomo Lahat doch noch seine Dauerstellung als Bürgermeister von Tel Aviv gegen einen Gelegenheitsjob in einer Mitte-Links-Regierung eintauschen. Seine – inzwischen ehemaligen – Parteifreunde geben ihm keine Chance.

Sie haben sich schon einmal gründlich verkalkuliert.