Von Hermann Bößenecker

Das „Gretchen“ war ein „heiteres, junges Menschenkind“, wie sich später Zeugen der ersten Stunde erinnerten: klein, zierlich, blitzsauber, adrett, gewissenhaft. Sechzehnjährig trat Grete Lachner 1927 als künftiger Lehrling in die kleine, unbedeutende Kurz-, Weiß- und Wollwarengroßhandlung des Gustav Schickedanz im fränkischen Fürth ein. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg einer ungemein fleißigen und betriebsamen Frau mit viel gesundem Menschenverstand, „eine Laufbahn ohne Beispiel in der deutschen Wirtschaft, zumal für eine Frau“, wie der Mann ihrer Stieftochter, Hans Dedi, heute rühmt. Die Laufbahn neigt sich jetzt ihrem Ende zu.

Im Jahr 1942 war aus dem Gretchen die zweite Frau Schickedanz geworden. Seine erste Frau hatte er 1929 durch einen Unfall verloren. Schickedanz hatte bereits 1927 die Quelle gegründet, die nach dem Krieg zum größten Versandhaus Europas heranwuchs.

Bis heute ist Grete Schickedanz für die Quelle die entscheidende Instanz. Nach dem Tod des Gründers, 1977, avancierte zwar Schwiegersohn Dedi nominell zum Konzernchef der Schickedanz-Gruppe. Aber beim Stammhaus Quelle wirkt immer noch die „gnädige Frau“ – mit großer Ämter- und Machtfülle und als überaus aktive und eigenwillige Vorstands- und Verwaltungsratsvorsitzende in einem. Zudem ist sie persönlich haftende Gesellschafterin der Konzern-Holding Gustav und Grete Schickedanz KG.

Es ist bitter für Grete Schickedanz, daß sie ihren Rückzug von den Alltagsgeschäften und vom Vorstandsvorsitz – zum 1. Februar 1987 – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt ankündigen muß, zu dem sich die Quelle in der bisher schwierigsten Phase ihrer 57jährigen Geschichte befindet und rote Zahlen schreibt. Und doppelt bitter ist, daß man ihr unverhohlen die Mitschuld an der Krise anlastet. Wenn jetzt vom bevorstehenden Abschied der „alten Dame“ geschrieben wird, so verletzt dies die 74jährige. Sie ist betrübt, daß Journalisten eben keine Kavaliere sind.

Das Quelle-Schiff stampft durch schwere See, kritische Beobachter sprechen gar von einer Schlagseite. Die Umsätze der Handelsfirmen, auch des Fürther Stammhauses, sind 1985 um drei Prozent zurückgegangen, nachdem sie schon 1982 und 1983 abgebröckelt waren und 1984 nur ein bescheidenes Plus von drei Prozent erzielt wurde. Mit 8,5 Milliarden Mark blieb die Schickedanz-Handelsgruppe auch im vergangenen Jahr deutlich unter dem bereits 1981 erreichten Umsatz von neun Milliarden Mark. Der Gesamtkonzern einschließlich der Industriefirmen setzte knapp 10,5 Milliarden Mark um.

„Wir beobachten seit geraumer Zeit einen grundlegenden Strukturwandel im Konsumverhalten“, erklärt Hans Dedi und versucht, die Probleme von Quelle mit dem allgemeinen Trend im Handel, der allen Großen zu schaffen macht, zu entschuldigen. Der „aufgeklärte und zunehmend kritische Verbraucher“ habe seine Wertvorstellungen korrigiert, der Konsum habe seinen Stellenwert als „Faktor der Lebensqualität“ verloren, und es gäbe in weiten Bereichen einen hohen Grad der Marktsättigung.