"Ganz unten": Ein Film, kein Film • "Natty Gann": Großer guter Wolf • "Subway": Dilettanten in der Metro

"Ganz unten" von Jörg Gfrörer (mit Günter Wallraff als Ali Stigirlioglu). Mit fremden Augen das eigene Land betrachten: noch schauen, wo jeder längst gewohnt ist wegzusehen; noch schauen, wo jeder längst gewohnt ist nichts zu sehen. Aus dieser Haltung heraus hat Wallraff eine faszinierende Reportage geschrieben. Aus dieser Haltung heraus hätten Gfrörer und er auch einen faszinierenden Film machen können.

Es hätte nur ein Film SEIN müssen.

Was ist zu sehen? Ein Mann geht sehr früh am Morgen durch leere Straßen, vorbei an alten Mauern, die stark verfallen. Zu hören ist dabei: ein türkisches Lied, das – wehmütig, sehnsüchtig fast – die Mutter besingt. Was ist zu sehen? Ein Auto fährt auf eine Industrie-Anlage zu, deren Schornsteine dunklen Rauch in den Himmel blasen. Zu hören ist dabei: ein deutscher Schlager ("Guten Morgen, Deutschland! Ich lebe hier, weil ich dich mag."). Was ist zu sehen? Ein deutscher Arbeitsvermittler verschaukelt seine türkischen Arbeiter. Zu hören ist dabei: Er sei ja der letzte, der nicht eine Mark mehr drauflege, wenn er mit einer Arbeit zufrieden sei.

Zu sehen und zu hören ist, und das sind die berührendsten Szenen des ganzen Films: wie die türkischen Arbeiter um jede Mark betteln müssen, die ihnen zusteht. Und wie der deutsche Arbeitsvermittler um jede Mark feilscht, die ihm – das sieht man seinem Gesicht an – nicht gehört.

"Ganz unten" führt das Material vor, das einige der unfaßbaren Geschehnisse dokumentiert, von denen Wallraffs Buch berichtet. Doch irgendwie ist der Film dadurch bloß ein Abfallprodukt des Buches, angereichert lediglich durch ein paar Interviews und ein paar Stimmungsbilder aus dem Revier. Manchmal, gerade in den Szenen, die den Schmutz und die Gefahr einer schmutzigen und gefährlichen Arbeit verdeutlichen sollen, ist nichts mehr zu sehen. Dann wird einfach Wallraff eingeblendet, als Ali verkleidet. Man sieht ihn und hört seine Worte, die ausführlich erklären, was man eigentlich sehen sollte.

Einmal, in einer Szene, die Wallraffs undercover-Mühsal besonders hervorheben soll, wird das, was man nicht sieht, in ein tiefes Rot getaucht. Das Unsichtbare wird sichtbar ornamentalisiert, damit der letzte Rest des Sichtbaren nicht unsichtbar bleibt.