Manchmal befällt auch den hartnäckigsten Freund des Theaters eine Art Lähmung. Alles schon mal gesehen, denkt er dann traurig in trostloser Stunde, nichts Neues mehr unter der Scheinwerfersonne. Da kommt ein Abend wie dieser gerade recht. Was sich derzeit auf der Bühne des Frankfurter Schauspielhauses zuträgt, das hat man wahrlich noch nicht gesehen und wird man auch nimmermehr sehen. Einar Schleef und Hans-Ulrich Müller-Schwefe zeigen ein Werk, das sie zwei anderen Dichtern abgetrotzt haben: "Mütter", sehr frei nach Aischylos und Euripides.

1976 ist Einar Schleef aus der Deutschen Demokratischen Republik in unsere gekommen. Mit B. K. Tragelehn zusammen hatte er am Berliner Ensemble das skandalöse, bald vom Spielplan vertriebene "Fräulein Julie" inszeniert. Projekte in Düsseldorf, in Wien scheiterten. Der Regisseur, Maler, Bühnenbildner Schleef verschwand vom Theater, der Schriftsteller Schleef trat auf.

Als er dann sein zweiteiliges Monumentalwerk "Gertrud" publiziert hatte (Suhrkamp, 1980 und 1984, insgeamt 896 Seiten), begannen die meisten Rezensionen wie Folterberichte. Etwa so: "Eine Zumutung. Es ist unverschämt und rücksichtslos." Oder so: "Das Buch habe ich mehrmals wütend in die Ecke gepfeffert." Aber sonderbar – am Ende der Kritiken war aus dem gefolterten Rezensenten jedesmal ein Gläubiger, ja Glückseliger geworden; hatte man dem Dichter Schleef einen Platz im Parnass zugewiesen, "und zwar ziemlich genau in der Mitte zwischen Uwe Johnson und Samuel Beckett".

Eine Zumutung und eine Folter ist jetzt auch der Frankfurter Auftritt des Dramatikers und Regisseurs Einar Schleef. Und so zögern wir keine Sekunde, dem Künstler nun auch einen Platz in der Theatergeschichte zuzuweisen – und zwar ziemlich genau in der Mitte zwischen Heyme und Oberammergau. Schreiten wir also, gemeinsam-gemächlich, hinauf zur Antike, hinab zu den "Müttern"!

Theben hat gegen Argos gesiegt. Sieben argivische Führer sind vor der siebentorigen Stadt gefallen. Sieben Mütter wollen um ihre toten Söhne klagen. Kreon, Herrscher von Theben, verweigert die Herausgabe der Leichname. Theseus, Herrscher von Athen, zieht siegreich gegen Theben, holt die toten Helden. Die Mütter von Argos beginnen die Klage...

Aus einem Drama von Aischylos ("Sieben gegen Theben") und einem von Euripides ("Die Schutzflehenden") haben Schleef und Müller-Schwefe ihre "Mütter" montiert. Der Theatertext unserer deutschen Dioskuren ist ein nicht unorigineller Bastard aus Übersetzung und Bearbeitung, Feierlichkeit und Frechheit, Antike und Trivialität. "Das Ergebnis ist ein Mischprodukt. Hohe und niedrige Sprache, Sprache des 19. Jahrhunderts und Sprache von heute gehen durcheinander."

Manchmal reden die Fürsten wie Fürsten, manchmal wie schlichte Ganoven. Manchmal stehen wir andächtig auf erhabenem, auf klassischem Gelände, manchmal geht es in Athen und Theben zu wie in den Klos und Wandelgängen des Bonner Bundeshauses. Antike Tragödie und zeitgnössisches Satyrspiel stoßen krachend zusammen. Oder, in Müller-Schwefes etwas gewählteren Worten: "Wie also wäre eine Übersetzung so zu schärfen, daß eine Verletzungserregung entsteht, die alles mitnimmt? Brüche und Wechsel sollen Schreie durchlassen."