Von Jutta Duhm-Heitzmann

Gertrudenstraße 27. Eine Nebenstraße in der Kölner Altstadt, drei Stufen hinab ins Souterrain, eine unscheinbare Tür – und dahinter eines der hübschesten kleinen Theater, das ich kenne: 99 rote Stühle, Trödelschnickschnack an den Wänden, Spiegel, nicht mehr gebrauchte Requisiten, getrocknete Blumen, vergilbte Photos und Plakate. Ein Theater, das so gemütlich ist wie eine überfüllte Stube. Aber das, was man dort zu hören kriegt, ist alles andere als das. Seit zwanzig Jahren treten dort die Kölner "Machtwächter" auf, seit ihrem Debüt am 1. März 1966 eines der erfolgreichsten Kabaretts Westdeutschlands geworden, ohne Tourneen, ohne Fernsehauftritte, mit nur spärlichen Übertragungen im Radio, von der Stadt mit eben achttausend Mark im Jahr unterstützt. Dennoch sind ihre Vorstellungen fast immer ausverkauft. Und sie haben – ein Rekord in der Geschichte des deutschen Kabaretts – ein Programm in ihrem Repertoire, das sie seit 1975 immer wieder aufnehmen müssen, weil die Zuschauer es immer wieder sehen wollen. Es heißt "Ihr schönster Tag", ein Stationendrama zum Verhältnis von Mann und Frau, das am 1. März, dem Tage ihres zwanzigjährigen Bestehens, genau zum 800. Mal über die Bühne geht.

Es beginnt wie mancher schönste Tag mit Orgelklang und "liebem Brautpaar", strahlend sie, ein Traum in Weiß, strahlend er, die Hoffnung in Schwarz. Doch noch bei Lohengrin und Gott, der festen Burg, fliegen schon die ersten Wespen durch das ersehnte Eheparadies: Sie ist schwanger und hat ihn gerade noch rechtzeitig vor den Altar gebracht. Er dagegen rechnet beiläufig die Kosten für das Hochzeitsfest zusammen, samt Harmonium, "kleinem Blumenschmuck" und Kokoslaüfer bis zur Kutsche.

Die bösen Ahnungen trügen nicht. In ungefähr zwei Stunden geht das tragikomische Ehespektakel seinem unvermeidlichen Scheidungstermin entgegen – mit Szenen wie Frauen beim Bund, sie und er bei einer Parteiversammlung, Kaffeekochen im Büro, Hausmannsversuche des streßgeschädigten Gemahls, ihr erfolgreicher Sprung in die Karriere, Männer und Raketen, sie allein in der Kneipe. Alles garniert mit Song und Tanz, Statistiken, Hinweisen zur Waffenproduktion bei "Rheinmetall", Tips zu Variationen beim ehelichen Standardverkehr und aufmunternden Bemerkungen zu ihrer beider Emanzipation. "Oh, Gott, das habe ich ja noch nie gehört", ruft an dieser Stelle ein Witzbold aus dem Saal zur Bühne hinauf. "Genauso siehst du auch aus", ruft es von der Bühne zurück. Man kommt sich nah.

"Aber natürlich doch – obwohl es heute eher untypisch ruhig war", meinen die beiden "Machtwächter" Wiltrud Fischer und Heinz Herrtrampf, nachdem die letzten Zuschauer mit – ich hör es verblüfft – aufmunternden und dankbaren Bemerkungen an die Vier-Mann-Truppe (zwei Darsteller, zwei Musiker, die gleichzeitig Garderobier, Barkeeper, Einlasser und Rausschmeißer sind) das Foyer verlassen haben. "Meistens gehen die Leute besser mit. Samstagabend ist oft problematisch."

Typisch wiederum ist, daß ein großer Teil der Karten für die ausverkaufte Vorstellung seit Tagen und Wochen aus dem Münster-, Sauer- und dem Bergischen Land vorbestellt gewesen sind, oft von Zuschauern, die das Programm schon einmal gesehen haben und nun mit Eltern, Schwestern, Tanten oder gar mit dem eigenen Partner im Schlepp wiederkommen wollten. "Die Machtwächter" – ein Familienkabarett für Provinztouristen, die dann ab in die Altstadt....?

Eine unfaire Frage. "Sie haben es doch gerade anders erlebt." Erlebt habe ich, zugestanden, einen wilden Wirbel an Rüschen und Röcken, an Striptease und einem Männerpo, Revue und Steptanz, Lachen und Gesang und sehr eindeutigen Bemerkungen zu Krieg und Frieden – nicht nur zwischen den Geschlechtern. Immer wieder haben "Die Machtwächter" probiert, geändert, gefeilt, bis sie diese Form der Kabarettswo, ganz auf die eigenen schauspielerischen Begabungen zugeschnitten, entwickelt hatten – zwanzig Jahre lang.