Frankfurt am Main

Am Sonntag war Waltag im Stadtbad Mitte: Jim Nollman, der seit neun Jahren gemeinsam mit freilebenden Tieren musiziert, hatte Aufnahmen von Jam Sessions für Gitarre und Wale aus Kanada nach Frankfurt gebracht. Über Unterwasserlautsprecher wurden sie in das Schwimmbecken übertragen.

Karten für dieses "Baden in Musik" waren schon zehn Tage vor dem Ereignis ausverkauft. 270 Musikfreunde hatten sich mit Badezeug, Handtuch und Seife (um die Ohren zu waschen) ins Stadtbad begeben. Die Tagesschau hatte ein Team entsandt, viele Photographen blitzten herum: Unstillbar schien der Durst der Medien nach Wasser zu sein.

Nun gab’s nicht nur Wale aus der Konserve, sondern auch eine richtige (wenn auch rot angemalte) Frau, die unter den großen Augen der Bademeister nackt auf dem Einmeterbrett tanzte und dann ins Wasser sprang, zwischen die blubbernden Konzertbesucher.

Auf dem Sprungturm ganz oben blies ein Alphornist traurigtranige Melodien; vom Beckenrand wurde posaunt und getrommelt. Der Initiator, Micky Remann, ein Frankfurter Schriftsteller, stand im blauen Bademantel auf dem Fünfmeterbrett und sprach über die Kontinente und das Schwimmbecken, das er den Nordpazifik nannte.

Im Südpazifik, gleich nebenan, nur durch eine Glasscheibe getrennt, lieferten sich der Saxophonist Alfred 23 Harth und sein Widerpart Ole Schmidt ein "amphibisches Match". Sie zogen zwei Gummi-Enten an Schnüren durch das Becken und bliesen dazu auf Saxophonmundstücken und einer Mundharmonika; Alfred 23 Harth auch auf einem Schnorchel. Die 270 standen drumherum – den Südpazifik durften sie nicht betreten – und applaudierten fröstelnd.

Alfred 23 Harth dankte völlig durchnäßt und trug seinen roten Schwimmring wie einen Lorbeerkranz nach gewonnenem Rennen. (Frage an den Organisator Dieter Buroch: Warum eigentlich nennt sich Alfred Harth, dieser bekannte Frankfurter Jazz-Musiker, jetzt Alfred 23 Harth? Das wisse er, Buroch, auch nicht, da habe er den Alfred auch nicht nach zu fragen gewagt. Dem Alfred sei es aber sehr wichtig, der meldet sich mit der 23 sogar am Telephon, seit einem halben Jahr schon. Vielleicht stehe die 23 für das W, den ersten Buchstaben seines zweiten Vornamens, aber das sei nur eine Vermutung, mehr nicht.)

Nach einer Stunde Konzert flüchteten viele unter die warme Dusche, ich auch. Wie es mir gefiel? Ja, ich fand’s lustig, wenn auch etwas verschwommen. Zwölf Mark war der Spaß wert, nicht aber die Anreise aus Hamburg oder von sonstwo. Auch wenn der 23. Februar der Geburtstag Händels ist, der die Wassermusik schrieb: Ich hätte mir mehr Wüste gewünscht. Ist ja nicht schwer, im Schwimmbad in Wasser zu machen. Beduinen hätte ich sehen mögen, auf Kamelen. Oder wenigstens die Truthähne hätte ich hören wollen, mit denen Jim Nollman sonst zusammen musiziert, oder die Wölfe. Ulrich Stock