Horst Sindermann stellt Erleichterungen in den deutschdeutschen Beziehungen in Aussicht

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, Ende Februar

Er kam, sah und siegte. Nie zuvor hat Bonn einen so angenehmen kommunistischen Besucher erlebt, zumal nicht aus der DDR, wie Horst Sindermann. An allen Stationen der Visite des Volkskammerpräsidenten, bis nach Düsseldorf, Trier und Saarbrücken, blieb am Ende, was Auftreten und Atmosphäre betrifft, nur ein Urteil: ein umgänglicher, gelockerter, witziger – ein souveräner Mann.

Zum einen liegt das am Naturell des siebzigjährigen Sachsen. Er ist einfach ein freundlicher Mensch, neugierig und aufgeschlossen schon durch Abkunft. Was seine genießerische Ader anbelangt, so ist er in der vorigen Woche ganz besonders auf seine Kosten gekommen: immer wieder im Mittelpunkt, von einem wichtigen Termin zum anderen weitergeleitet, meist von einer Phalanx aus Photographen und Reportern umgeben. Was Wunder, wenn Horst Sindermann auf der höchsten Höhe seiner jovialen Fähigkeiten war.

Zum anderen freilich hat die breite Spur angenehmer Überraschung, die er gezogen hat, auch mit den Bonner Verkrampfungen zu tun. Sie fingen ja schon an mit der Vereitelung seines Besuchs vor Jahresfrist, als Bundestagspräsident Philipp Jenninger aus den eigenen CDU-Reihen gehindert wurde, Sindermann angemessen zu empfangen. Sie setzten sich jetzt fort – von den nur drei statt, wie es protokollgerecht gewesen wäre, der fünf "weißen Mäuse", die Sindermanns Wagen zum Besuch beim Bundeskanzler eskortierten (wobei ein Motorrad der Kälte wegen obendrein seinen Dienst verweigerte) bis zu den Drohungen der "Stahlhelmer" in der Unionsfraktion, sie würden Protestplakate entfalten und die dritte Strophe des Deutschlandliedes anstimmen, sollte der Volkskammerpräsident eine Bundestagssitzung besuchen.

Das machte es Horst Sindermann im Grunde nur leichter, so zu tun, als handele er sich da um abständige Schrullen, die man lächelnd übergeht. Wenn er, immer mal wieder, die vollständige und völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch Bonn einforderte, dann wirkte es, weil er das harte Ost-Berliner ceterum censeo immerfort gefällig ausdrückte nach dem, Motto: Reden wir doch vernünftig und aufgeschlossen miteinander! Der Souveränitätszuwachs des anderen deutschen Staats, er nahm in Sindermann ein um das andere Mal Gestalt an.