Von Jürgen Fuchs

Zensur: das ist Bücherverbrennung, das ist Inhaftierung und Folter, das ist Druckverbot; Zensur ist aber auch: elastische Duldung. Ausnahme von der Regel, kurz: Herrschaft als Unüberschaubarkeit

Es ist falsch, sich eine völlig verriegelte Landschaft vorzustellen, wenn man von Zensur spricht. Gewiß gibt es den groben Eingriff, das Wegschaffen und Verbrennen; Studenten in Uniform werfen gebundene Bücher in die Flammen, der Auftakt des Nationalsozialismus. In Moskau und Leningrad wanderten die verbotenen Bücher auf Fließbändern in die entsprechenden Abteilungen der Papierfabriken, zum Zerreißen und Neuverwerten des Materials, in große Bottiche. Es wurden keine Photos gemacht.

Ossip Mandelstams letztes Telegramm trägt das Datum 20. 10. 38: „Habe fünf Jahre bekommen, befinde mich in Baracke 11. Versucht Sachen zu schicken, Essen, Geld. Weiß nicht, ob es Sinn hat. Ich friere sehr ohne Sachen.“

Dazu Erich Mühsam, erhängt in einer Latrine. Und Lew Kopelew, der von den Papierfabriken berichtete in West-Berlin auf einer Podiumsdiskussion, Breyten Breytenbach saß neben ihm. Der erzählte von seinen südafrikanischen Erlebnissen, sieben Jahre verschärfte Haft, gedruckte und verbotene Gedichte, Todeszelle und spätere Freilassung, die letzte Fahrt durch das eigene Land zum Flugzeug, das ihn nach Frankreich bringen wird, ins Exil, für lange. Für immer? Und Stus, der ukrainische Lyriker, im Lager Perm umgekommen im Jahr 85. Das ist das eine.

Meine Verwunderung, als ich es erfuhr, noch in Ost-Berlin: Unter Franco gab es einen linken Verlag, der oppositionelle Liedermacher Raimon trat im Fernsehen auf, wenn auch nachts und im dritten Programm, Biermann um 23.10 auf DDR II? Semprun fuhr lange mit falschem Paß als Schriftsteller und illegaler Kämpfer über die Grenze nach Madrid ... Was läßt sich vergleichen, was ist vorstellbar, wenn man das eine kennt und das andere nicht? Aber jetzt wissen wir es. Und was nun?

In Weimar und Jena finden sich in den Buchhandlungen keine Gedichte von Kunze und Jentzsch, keine Prosa von Schädlich, Helga M. Novak und Loest, von Neumann, Hilbig, Rathenow und Hegewald, von Schacht und Rachowski, keine Essays von Havel und Kundera, keine Analysen von Michnik, keine Stücke von Mrozek, keine Erzählungen von Solschenizyn, Sinjawski, Konrad, ich könnte die Aufzählung der Namen fortsetzen, es sind nicht wenige, sie sind mir wichtig. Die bleiben verboten, werden bei Haussuchungen beschlagnahmt, stehen in der Anklageschrift. Leser und „Verbreiter“ gehen mitunter für Jahre hinter Gitter. Westdeutsche Verlage nehmen die Bücher dieser Autoren erst gar nicht mit zur Messe nach Leipzig oder Moskau, es könnte Schwierigkeiten geben. Das ist die eine Seite.