Der Monetarismus verliert an Einfluß

Von Rudolf Herlt

Was für die Freudianer der Sex, ist für die puristischen Monetaristen die Geldmenge, nämlich Erklärungsgrund für alles.“ Dieser Satz machte in akademischen Zirkeln die Runde, seit der Monetarismus in den siebziger und beginnenden achtziger Jahren die praktische Politik erobert hat. Doch sein Siegeszug hat, wenn die Zeichen in wichtigen Ländern nicht trügen, seinen Höhepunkt überschritten.

Die Monetaristen meinen, daß der private Sektor der Volkswirtschaft grundsätzlich stabil sei, wenn ihn die Wirtschaftspolitiker nur in Ruhe lassen. Schwankungen bei den Preisen, der Produktion und der Beschäftigung seien vielmehr auf Im-, pulse zurückzuführen, die von der Geldpolitik und von der Fiskalpolitik ausgehen. Wer diese Fluktuationen beseitigen wolle, müsse die Geld- und Fiskalpolitik verstetigen.

Dies, so behaupten die Monetaristen, sei nur durch Bindung an Regeln für das Wachstum der Geldmenge und der öffentlichen Haushalte zu erreichen. Alles andere, glauben sie, spiele sich dann von selbst ein. Sie verurteilen andere wirtschaftspolitische Eingriffe herkömmlicher Art, weil sie meinen, daß dadurch nur die Schocks erzeugt würden, die die Wirtschaft so instabil machen. Deshalb ziehen sie feste Regeln, die allen in der Wirtschaft Tätigen bekannt sein müssen, politischen Eingriffen nach freiem Ermessen vor.

Diese „monetaristische Gegenrevolution“, die mit einer Rede des späteren Nobelpreisträgers Milton Friedman aus Chicago Ende 1967 begonnen hatte, war ein direkter Angriff auf die bis dahin herrschende wirtschaftspolitische Praxis. Die Wirtschaftspolitiker der fünfziger und sechziger Jahre hatten ihre theoretische Fundierung aus den Arbeiten des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes bezogen. Ihr Credo war, fehlende private Nachfrage durch staatliche Nachfrage zu ersetzen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Nach ihrer Ansicht werden Fluktuationen bei den Preisen und beim Wachstum entweder durch Schocks ausgelöst, die sich – wie der Ölpreisschock – über die gesamte Wirtschaft ausbreiten, oder durch Nachfrageschwankungen im privaten Sektor, die durch veränderte Erwartungen über künftige Ertragsmöglichkeiten entstehen. Die Fluktuationen können nach keynesianischer Ansicht durch eine Globalsteuerung der Nachfrage geglättet werden. Die Keynesianer einte eine Vorliebe für Ankurbelungsprogramme, die mit Hilfe staatlicher Haushaltsdefizite und billigen Geldes finanziert wurden. Gegenüber der von ihnen mit geförderten chronischen Nachkriegsinflation waren sie schließlich machtlos. Damit hatte die Stunde für Milton Friedman und eine Gruppe von etwa zwanzig akademischen Lehrern in den Vereinigten Staaten und in Europa geschlagen. Sie verband nicht nur ein brennendes Interesse für die praktische Politik, sondern auch eine gemeinsame geistige Vaterschaft. Sie alle sehen Milton Friedman als ihren Ziehvater an.

In den Vereinigten Staaten haben Mitte der siebziger Jahre zehn Professoren dieser Chicagoer Schule als Spiegelbild zum Offenmarktausschuß des amerikanischen Zentralbanksystems, der de wichtigsten geldpolitischen Entscheidungen trifft, einen „Schatten-Offenmarktausschuß“ gegründet. Ihm standen Karl Brunner, ein Schweizer, der abwechselnd an der amerikanischen Universität Rochester und an der Universität Bern lehrt, und Allan H. Meltzer von der Universität Pittsburgh gemeinsam vor. Als Gegenstück zum Währungsausschuß der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gründeten die beiden in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre auch noch einen „Schatten-Währungsausschuß“, in dem acht andere europäische Professoren mitarbeiteten. Brunner entschloß sich zu diesem Schritt, nachdem er gesehen hatte, daß die kritische Begleitung der öffentlichen Politik in den Vereinigten Staaten Früchte trug.