Nach der Revolte der Sicherheitspolizisten: Präsident Mubarak ist verwundbar geworden

Von Andreas Kohlschütter

Kairo, im März

Die blutige und brandschatzende Meuterei der ägyptischen Sicherheitspolizei ist zu Ende. Der Ausnahmezustand wurde auf eine nächtliche Ausgangssperre reduziert, die in den nächsten Tagen völlig aufgehoben werden soll. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ist Kairo, die Zwölf-Millionen-Metropole, zur vollen Normalität ihres erdrückenden Verkehrschaos und Menschengedränges zurückgekehrt. Auf Flachladern werden die wüstenbraunen Panzer der Armee aus der Innenstadt abtransportiert. Die Internationale Industriemesse öffnet termingerecht ihre Tore, der afrikanische Fußball-Nationen-Cup wird wie geplant angepfiffen. Die Züge, so heißt es offiziell frohlockend, fahren wieder pünktlich. Nach dem panischen Exodus der vergangenen Krisenwoche seien bereits wieder 1200 Touristen aus elf Ländern eingereist, wie die Fremdenverkehrsstatistiker hoffnungsvoll vermelden.

Noch einmal davongekommen

Nach all der Verunsicherung und Anspannung der vergangenen Tage wird erst einmal aufgeatmet. Ägypten ist noch einmal davongekommen. Das Mubarak-Regime scheint nicht ernsthaft erschüttert und gibt sich erstaunlich gelassen. Die Revolution fand nicht statt. Die Volksmassen schlossen sich dem Aufruhr der Sicherheitspolizisten nicht an, der Funkenschlag erzeugte keinen Großbrand. Die Zerstörungswut hielt sich in Grenzen. Sogar im Sturmzentrum des Pyramidenviertels blieben Geschäfte, Privathäuser – auch die Villen der Superreichen – verschont.

Augenzeugen berichten, daß die Angreifer Autoinsassen zum Verlassen ihres Wagens aufforderten, bevor das Fahrzeug zertrümmert und in Brand gesteckt wurde. Eine gehbehinderte alte Engländerin sei von aufrührerischen Polizisten ins Freie geleitet worden, ehe das Hotel der Lady in Flammen aufging. „Kairo war selbst während der jüngsten Unruhen sicherer als New York“, kommentiert eine politisch engagierte Universitätsdozentin. Ein Neurochirurg, der zur besonders verängstigten christlich-koptischen Minderheit gehört, erklärt: „Wir haben gebetet, und es nützte.“ Und der Besitzer des mit Souvenir-Artikeln vollgestopften Karnak-Basars bei den Pyramiden, der außer einigen eingeschlagenen Schaufensterscheiben keine Materialverluste zu beklagen hat, meint erleichtert: „Allah hat in Ägypten wieder einmal Überstunden gemacht.“