Von Klaus Viedebantt

Im Belagerungszustand“ hieß der Film, der Mitte Februar zu bester Sendezeit über Amerikas Bildschirme ging und eine erregte nationale Diskussion auslöste: Terroristen jagten Bomben in allen Ecken des Landes hoch, töteten wahllos Bürger und beschossen schließlich das Capitol in Washington mit Raketen. Ein zeitgerechtes Produkt, denn in den USA grassiert zur Zeit die Furcht vor politischem Terror. Bomben in den Mittelmeerstaaten, in Frankreich, in der Bundesrepublik, die Kaperung der „Achille Lauro“ und die Ermordung des gelähmten Passagiers Leon Klinghoffer, die Entführung des TWA-Jets – die meisten dieser Aktionen waren gegen US-Bürger gerichtet. Die Vorstellung, die Bombenwerfer könnten nun auch in den USA selbst zuschlagen, erfordert wenig Drehbuch-Phantasie. Und wo kamen die Fernseh-Terroristen her? Aus Nahost und aus Deutschland.

Wen wundert es, wenn angesichts solcher Vorfälle und Schlagzeilen Europa zur Zeit kein besonders gefragtes Urlaubsziel unter Amerikanern ist. Hat nicht selbst Präsident Reagan angedeutet, er empfehle gegenwärtig keine Ferienfahrten in die Länder jenseits des Atlantiks? Derlei bleibt nicht folgenlos. Am 9. Februar veröffentlichten die New York Times und das CBS-Fernsehnetz eine Umfrage zum Thema „Terrorismus“. Eine der Fragen lautete, ob man seinen Freunden raten würde, eine Reise ins Ausland abzusagen. Eine deutliche Mehrheit (57 Prozent) sagte knapp und unverhohlen: ja. Unter den befragten Frauen war die Mehrheit für eine Absage mit 63 Prozent sogar noch größer.

Bei der „Deutschen Zentrale für Tourismus“ (DZT) schrillen seither die Alarmglocken. Die Frankfurter Organisation, für die offizielle Tourismuswerbung der Bundesrepublik im Ausland zuständig, muß Einbrüche auf einem ihrer wichtigsten Märkte befürchten. In den beiden letzten Jahren waren die US-Amerikaner nämlich der Einladung zu „Happy Days in Germany“ in hellen Scharen gefolgt. Der starke Dollar machte die Mark billig und damit die Ferien in Deutschland zu einem wohlfeilen Vergnügen.

Im Jahr 1984 reisten rund 1,5 Millionen Amerikaner zu Ferien in Deutschland ein. Das summierte sich zu 4,7 Millionen Übernachtungen, ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies war bei weitem der größte Zuwachsbrocken unserer Touristikstatistik jenes Jahres. Rund 1,8 Milliarden Mark flossen aus US-Urlauberbörsen in deutsche Taschen, damit waren die Amerikaner die drittbesten Kunden, nach den Österreichern (2,3 Milliarden Mark) und den Niederländern (2,2 Milliarden). Im Jahr 1985, für das noch keine endgültigen Ergebnisse vorliegen, steigerten sich die Zahlen noch einmal: Erstmals haben die Amerikaner für mehr als fünf Millionen Übernachtungen in Deutschland bezahlt, erstmals haben sie auch die Holländer von Platz zwei der Devisenstatistik verdrängt.

Nun scheint alles anders zu werden. Jochen Martin, erst seit wenigen Wochen als DZT-Direktor für Amerika im Amt, hat keinen guten Start erwischt: „Wir müssen zur Zeit versuchen, Verluste zu verhindern oder zumindest klein zu halten. An eine aktive Werbung zur Steigerung der Touristenzahlen aus den USA ist gegenwärtig nicht zu denken.“ Eine realistische Einschätzung, das zeigen schon die wenigen Indikatoren, die für das neue Jahr bereits vorliegen. Sie lassen nicht nur für das Reiseziel Deutschland, sondern in fast allen westeuropäischen Urlaubsländern Minuszahlen erwarten.

Für Frankreich, Italien und Österreich ist der USA-Markt nahezu zusammengebrochen, dasselbe zeigt sich zu Lasten Deutschlands im Bereich der Incentive-Reisen (Belohnungsreisen für erfolgreiche Firmenmitarbeiter). Hier gab es Stornierungen und „drastische Einbrüche“. Der Grund ist immer derselbe: Angst vor Attentaten. Auch bei den Gruppenreisen nach Europa häufen sich zur Zeit die Stornierungen. Aber das muß noch nichts besagen, denn in dieser Jahreszeit kommen immer die Absagen von geplanten Touren, wenn die Reisebüros und Veranstalter nicht genügend Reiseanmeldungen buchen konnten. Daß nun der Terrorismus besonders häufig als Absagegrund genannt wird, besagt nicht viel, denn das kann vor Stornogebühren bewahren.