Buchreihen haben, wenn sie sich einmal in den Buchhandlungen durchsetzen konnten, ein eigenes Vorstellungsmuster gewonnen, ein Image. Das ist nicht unbedingt ein positives Werturteil, es ist eher eine Einordnung. Diese Charakteristik gilt für alle Arten von Buchreihen, also auch für Reiseführer. Jeder, der sich ein wenig auskennt in dem Metier, weiß mit Reihennamen ein Charakteristikum zu verbinden, meist ein äußerliches, auf den zweiten Blick aber auch ein inhaltlich wertendes.

Beispielsweise die erfolgreichste Reiseführerreihe: Polyglott. Das sind dünne Broschurbände (obwohl es auch dicke Polyglotts gibt), dünn auch im Inhalt, eben das Wesentliche, knapp und ohne höheren Anspruch für eine breite Leserschicht dargeboten. Das vorherrschende Werturteil über die Polyglott-Bände ist, obschon sie ihren Zweck meist ordentlich erfüllen, eher negativ. Das dies nicht allein eine Folge der dürftigen Aufmachung ist, beweist die zweiterfolgreichste Reiseführerreihe, die broschierten Bände des DuMont-Verlages. Sie haben, obgleich auch schlicht im Aussehen, den Ruf, exzellente, anspruchsvolle Helfer für die Reise zu sein. Die äußere Form spielt keine Rolle bei der Einschätzung von Reiseführern – zu Recht, denn eine praktische Aufmachung ist unterwegs wichtiger als eine buchbinderische Meisterleistung.

Geht es aber um Reisebücher, Werke also, die über Länder, Regionen oder Städte unterrichten sollen, ohne als handfester Wegweiser mitzufliegen oder -fahren, dann spielt die äußere Aufmachung eine weitaus größere Rolle. Das beweisen nicht sonderlich erfolgreiche Versuche im Taschenbuchbereich (daß die Länderbände in der Serie Piper erfolgreich sind, verdanken sie dem hohen Renommee, das die „Piper Panoramen“ als sorgfältig editierte und gebundene Hardcoverbände haben), das zeigen auch im positiven Sinne zwei Reihen, deren äußere Ausstattung Buchfreunde erfreut: die „Edition Erdmann“ mit ihren Nachdrucken historischer Reiseberichte und die „Landschaftsbücher“ des Prestel-Verlages. Manche Erdmann-Bände haben sachkundige Leser trotz ihrer gefälligen Aufmachung eher verärgert als zufriedengestellt, es fehlte an der editorischen Sorgfalt, an der Kommentierung, an erkennbaren Auswahlkriterien bei Kürzungen des Originaltextes (nach einem Besitzwechsel soll die Edition Erdmann nun qualitativ verbessert werden). Trotz dieser in Fachkreisen bekannten Mängel erfreuen sich die Bände bei Publikum und Buchhandel einer guten Reputation. Kritisierte Einzelbände galten als „Ausreißer“, wie sie in der Tat jede Reihe hat, auch die hier gelobten Buchreihen.

Zu den vielgelobten Buchreihen gehören auch die Prestel-Bände, handlich im Format, meist in Leinen gebunden, angenehme kleine Oasen in einer Paperback-Wüste. Weil sie so ordentlich verarbeitet sind, aber natürlich auch, weil die Mehrzahl der Bände zugleich inhaltlich den Ansprüchen gerecht wird, die von der äußeren Form abgeleitet werden, genießen neue Prestel-Bände per se Vertrauen. Daß dies gerechtfertigt ist, beweist der „Florida“-Band (mit Bahamas, Virgin Islands und Puerto Rico) von Werner Krum. Wie ungerechtfertigt solch ein „Reihenlob“ im Einzelfall jedoch sein kann, zeigt eine andere Neuerscheinung, eine „Reise um die Welt“ von Ehrenfried Kluckert und Gabriele Steckmeister. Die Autoren haben eine Kreuzfahrt um den Globus gemacht. Derlei kann ein glänzendes Stück Prosa werden – über eine Schiffsreise. Das setzt hohes Sprachtalent voraus (was den Autoren völlig abgeht). Eine „Landschaftsbeschreibung“ unserer Welt wird daraus nur schwerlich werden – es ist eben nur eine dürftige Sammlung aufbereiteter Stichworte, die man sich aus Reiseprospekten zusammenklauben kann. Ein Ausreißer? Vielleicht, dann ist es aber nicht der einzige. Schon der „Südsee“-Band ist auf dieselbe Art an der Reling eines Musikdampfers konzipiert worden.

Wie gut Form und Inhalt zusammenpassen können, zeigt die dritte Prestel-Neuerscheinung: „Welche Lust gewährt das Reisen“. Unter diesem Titel hat Heinrich Krohn, ein belesener, gebildeter Autor, eine kleine Historie des Verreisens verfaßt. In dem Band paart sich die Reiselust mit dem Lesevergnügen, hier wird das Reihenvorurteil dem Einzelband gerecht. Aber darauf ist, wie gesagt, kein Verlaß, bei keiner Reihe auf dem Reiseführer- und Reisebuchmarkt.

Klaus Viedebantt