Von Herbert Michel

Athen hat Hunderte von Plätzen. Die meisten sind nicht der Rede wert: wie gepflasterte Fußballfelder, mit ein paar Pomeranzenbäumen spärlich begrünt, bestückt mit den gelben Zeitungskiosken, den berühmten „Periptera“, und umgeben von Kafenia und Pizzerias.

Nur drei Plätze sind anders. Der Platz der Verfassung (Syntagma) ist so gemütlich wie ein griechisches Wohnzimmer nach dem Sonntagsputz: angestrengt repräsentativ, so geräumig wie langweilig und überragt von der neoklassizistischen Monstrosität des ehemaligen (bayerischen) Königsschlosses, dem heutigen Parlament. Touristen sitzen hier in pflichtgemäßer philhellenischer Feiertagsstimmung: Sonnenanbeterpose auf schäbigen Plastikstühlen.

Der Omonia-Platz (der Platz der Einheit) im Süden ist der ordinäre Gegenpol, Zentrum für den röhrenden, stinkenden, maßlosen Verkehr und trotz verkehrsplanerischer Bypass-Operationen so vital wie das Herz eines sechzigjährigen Kettenrauchers mit Übergewicht.

Wer hier einmal ordentlich durchgeatmet hat, wird sich bereitwillig hineintreiben lassen in Athens Versorgungsarterie, in die Odos Athinas, vorbei an den Fleischhallen und Gemüseständen bis hin zum Monastiraki-Platz. Der Monastiraki ist Athens Hinterzimmer, so wenig geachtet wie faszinierend, so unaufgeräumt wie funktional.

Wer sich vom „Kravgís“, dem berufsmäßigen Schreihals und Schlepper der Taverne „Bairaktaris“ am Westrand des Platzes, an einen Trottoirtisch hat locken lassen, kann mit einem Rundblick einen einzigartigen Streifzug durch die Geschichte der Stadt unternehmen. Wie in einem Hohlspiegel versammeln sich die Monumente, Symbole und Indizien der wechselvollen Historie von Griechenlands Metropole.

Der Blick nach Osten zeigt die Silhouette der Akropolis – von hier aus wirkt sie organisch verwachsen mit dem dunklen Rumpf des Burgfelsens – und die Rückwand des byzantinischen Kirchleins Pantanassa, das in unheiliger Allianz an eine Schenke angrenzt. Südöstlich wird die Sicht wieder frei auf die Herde der Hondas, Kawasakis und Vespas. Zwischen den Maschinen tippeln ein paar zerfledderte Großstadttauben, die ansonsten jenseits des Platzes im verrußten Gemäuer der ehemaligen Moschee Tsitsarakis hausen. Wie die brüchige Moschee sich anderthalb Jahrhunderte lang seit Ende der Türkenherrschaft aufrecht gehalten hat, weiß nur Allah. Im Erdgeschoß des Kuppelbaus haben sich Strickkünstler eingenistet, die auf ihren Pullovern mühelos die Sonne auf- und untergehen lassen. Sie sind die Marketender der Touristenhaufen, die in der T-Shirt- und Levis-Uniform hier vorbeiziehen, bewaffnet mit Tele und Weitwinkel.