Von Rudolf von Thadden

Müssen wir Deutschen den Ausgang der Wahlen in Frankreich fürchten? Die Frage klingt, als wäre sie von Franzosen vor deutschen Wahlen gestellt. In Frankreich hat man tatsächlich in periodischen Abständen vor irgendwelchen Vorgängen in Deutschland Angst: vor der Expansion der deutschen Wirtschaft, vor dem Gespenst einer deutschen Wiedervereinigung, vor neutralistischen Neigungen der deutschen Friedensbewegung, vor der Fata Morgana eines deutschen Sonderwegs und schließlich auch vor deutschen Wahlergebnissen. "Les incertitudes allemandes", die deutschen Ungewißheiten, begleiten französisches Denken an Deutschland wie der Schatten den Wanderer.

Aber umgekehrt? Kein Deutscher hat Angst vor Begebenheiten in Frankreich, und schon gar nicht vor Veränderungen. Er blickt mit einer Mischung von Bewunderung und Selbstgefälligkeit auf die vielleicht glücklichere, aber doch nicht leistungsintensivere Geschichte des Nachbarn, hält das Land zwischen Nizza und den Stränden der Bretagne für ein angenehmes Urlaubsziel und zieht im übrigen Japan oder die Vereinigten Staaten als Wirtschaftspartner vor. Egal, wer in Paris regiert, Frankreich bleibt Frankreich.

Diese mangelnde Sensibilität gegenüber den politischen Vorgängen jenseits von Saar und Rhein ist leider auch kaum durch die bevorstehenden Wahlen zu erschüttern, obwohl sie unser ganzes Interesse verdienen. Während bei den Wahlen vor fünf Jahren noch eine spürbare Spannung bestand – immerhin ging es um die Frage, ob die Linke nach über 20 Jahren Herrschaft der Rechten einen Machtwechsel herbeiführen könnte kommt diesmal keine rechte Neugier auf. Zwar steht auch jetzt eine Machtveränderung zur Debatte, da aber alle Welt den Machtverlust der Linken für ausgemacht hält, interessiert man sich auch nicht mehr für die Details, geschweige denn für die Folgen. Es geht ja "nur noch" um die Frage, ob die beiden Gruppierungen der Rechten, Chirac und Giscard, zusammen die absolute Mehrheit bekommen und wer dann von den beiden mit der Ministerpräsidentenschaft betraut wird.

Gewiß, es gibt dann noch daneben den Unsicherheitsfaktor Raymond Barre, der auch im Falle eines Wahlsieges der Rechten nicht mit Mitterrand zusammenzuarbeiten bereit ist und dadurch der Spekulation über die Gefahren einer sogenannten "Cohabitation" Nahrung gibt. Aber letzten Endes wirkt auch diese Variante der bevorstehenden Veränderung in Frankreich belanglos, da die wirtschaftliche Entwicklung davon nicht berührt zu werden scheint.

Und die deutsch-französischen Beziehungen? An sie ist natürlich auch zu denken, aber glücklicherweise scheinen sie sich unabhängig von den innenpolitischen Machtverschiebungen zu entwickeln. War es nicht so, daß sich der liberalkonservative Giscard glänzend mit dem Sozialdemokraten Helmut Schmidt verstand und daß der Sozialist Mitterrand genausogut mit dem CDU-Kanzler Helmut Kohl harmonierte? Warum sollen die deutsch-französischen Beziehungen nicht auch künftig unberührt von dem Wechsel der Regierenden bleiben?

Und in der Tat: Grundlegende Veränderungen im Verhältnis zwischen Bonn und Paris stehen nicht zu befürchten. Die beiden Nachbarländer sind in den letzten 20 Jahren so stark miteinander verwoben, daß Regierungswechsel nicht sehr viel daran ändern können. Frankreich und die Bundesrepublik bedürfen einander; kein Politiker kann an dieser Tatsache vorbei.