Stuttgart

Wenn Lothar Späth, Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, an die Bundestagswahl vom 25. Januar nächsten Jahres denkt, fallen ihm offiziell nur Worte wie „Zuversicht“ und „Gelassenheit“ ein. In zwei Fällen freilich zeigt der Netzplan des Polit-Managers im Südwesten leichte Verwerfungen. Ende der Woche geht es bei einem Stuttgarter Kreisparteitag darum, ob Herbert Czaja, Bundesvorsitzender der Vertriebenen, wieder als Kandidat der CDU im Stuttgarter Wahlkreis 163 aufgestellt wird, und eine Woche später muß auch Anton Stark, Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags, im Wahlkreis Nürtingen wieder um seine Nominierung kämpfen.

Dabei befallen Späth, wenn er an die beiden Namen denkt, durchaus unterschiedliche Empfindungen. Der 71jährige Czaja genießt die Unterstützung nicht nur des CDU-Landesvorsitzenden; auch Bundeskanzler Helmut Kohl, so ließ Späth bei einem öffentlichen Aschermittwoch-Frühstück der CDU wissen, wolle den Vertriebenenpolitiker wieder im Bundestag sehen. Bei Anton Stark, 56 Jahre alt, dagegen ist die Neigung Späths, ihn wieder aufstellen zu lassen, längst nicht so ausgeprägt. Hatte Stark doch im vergangenen Herbst, kaum genesen von einer schweren Krankheit, den Stuttgarter Ministerpräsidenten öffentlich rüde angemacht. Ihm fehle die nötige Loyalität zur Bundesregierung, und er trage mit dazu bei, daß das Bild der Bonner Koalition in der Bevölkerung manchmal so schlecht sei.

Seither fühlt sich Anton Stark von seinem Landesvorsitzenden „verfolgt wie in der Sowjetunion“. Um ihn zu vernichten, werde er zum Kranken gestempelt, wütete er noch vor vier Wochen, als sich plötzlich sein ehemaliger Vertrauter und Wahlkampfmanager aus früheren Jahren, Elmar Müller, als Gegenkandidat meldete. Seither kämpft der „Tone“, wie man ihn im Neckartal freundlich nennt, mit allen Mitteln um seine Wiederaufstellung.

Seinen Parforceritt gegen Späth, der auch bei Späth-Kritikern eher peinliche Erinnerungen weckte, nennt er in Postwurfsendungen „eine erfolgreiche Herbstoffensive“. „Späth läßt abschießen“, verkündet er den CDU-Leuten des Wahlkreises und spricht gar von einer „Dolchstoßlegende“.

Späth selbst dagegen ist viel zu klug, als daß er sich einmischen würde. So wichtig wie Czaja ist ihm der „Tone“ nun auch wieder nicht. Immerhin ist der Vorgang für die Christdemokraten heikel genug: Am 14. März wird hinter verschlossenen Türen nominiert. Während andere Kreisverbände mindestens die Presse zulassen, wenn sie ihren Lokalmatador wieder krönen, fürchtet man im Nürtinger Bezirk die Augen der Öffentlichkeit. Es ist ja nicht auszuschließen, daß Stark gegen seinen Landesvorsitzenden noch kräftiger vom Leder zieht, als er dies bisher schon getan hat.

Während der Fall Stark sich aber eher für den Stammtisch eignet, hat Herbert Czaja in Stuttgart sämtliche Register der hohen Staatspolitik gezogen, um wieder aufgestellt zu werden. Vater von neun Kindern und auch sonst ein unerschrockener Mann, ist er zur Zeit dabei, alte Versprechungen ungeschehen zu machen. 1983 nämlich versicherte er seinen CDU-Mannen in der Landeshauptstadt, er wolle nach acht Wahlperioden nun wirklich zum letztenmal aufgestellt werden. Denn die CDU-Basis war eines Mannes müde geworden, der, so ein Kritiker, „selbst im Kohlenkeller noch Schatten wirft“. Die Auseinandersetzungen um das Schlesiertreffen von 1985 oder auch Czajas unermüdlicher Einsatz für die Verschärfung des Abtreibungsparagraphen 218 haben ihn seiner Basis entfremdet.