Von Armgard Seegers

Die Kochkünste des Paul Bocuse, eben noch ein teurer Geheimtip für Kenner und Gourmets, liegen plötzlich als Sonderangebot aufgestapelt im Kaufhaus. Und eine kostbare „Dekameron“-Ausgabe von 956 Seiten ist für 19,80 Mark auf dem Grabbeltisch zu haben. Ein Irrtum bei der Preisauszeichnung? Keineswegs: Der Irrtum lag beim Verleger, der eine zu hohe Auflage gedruckt hatte und dann nicht genug Bücher verkaufen konnte. Jedes Buch auf Halde gemahnt den Verleger daran, daß hier sein Kapital gebunden ist: Geld, das nicht nur die Herstellung verschlungen hat, sondern Geld, das auch die Lagerhaltung kostet und vor allem Geld, das nicht in Neues investiert werden kann. Neues, mit dem ein Verleger seinem Verlag ja vor allem ein Profil zu geben versucht. Aber halt! Da gibt es ja noch jene Verlage, Großantiquariate genannt, die gerade interessiert, was ein anderer nicht loswird. Für die die Reste einer Auflage nicht das Letzte sind, sondern etwas, um erstklassige Geschäfte zu machen.

„Unter 10 000 Auflage machen wir gar nichts“, sagt Manfred Pawlak, der „Sonderausgaben-King“. Der großgewachsene, schnauzbärtige Verleger aus Herrsching am Ammersee verbreitet das Klima selbstsicherer Geschäftstüchtigkeit, ähnlich dem Banker, der einem Normalbürger die Geheimnisse von Zins- und Lombardsatz erklärt. Zeit ist Geld, und so antwortet Pawlak kurz und präzise. Nur einmal zögert er für einige Sekunden: Auf die Frage nach seiner Berufsbezeichnung gibt er zu, daß er sich gegenüber Urlaubsbekanntschaften Verleger nennen würde, „obwohl das ja im eigentlichen Sinne nicht stimmt“. Und das ist Pawlaks Marktlücke: „Die Verleger können sich oft gar nicht vorstellen, daß ein Buch, das längst vergriffen ist und früher vielleicht nicht einmal sonderlich erfolgreich war, daß das jemand noch einmal in großer Auflage machen will.“ Eklatantes Beispiel hierfür ist ein Tierbuch, von dem in der ursprünglichen Ausgabe nur 4000 Stück bei einer Auflage von 10 000 verkauft werden konnten. Allerdings zu einem Preis von 150 Mark. Pawlak hat die restlichen 6000 Exemplare übernommen und das Buch 500 000mal verkauft, zu 39,80 Mark. „Die Auflage bestimmt den Preis“, sagt er, und die Auflagen bei uns sind meist höher als bei der Erstausgabe.“ Das Geschäft mit den Sonderausgaben, die dann in Stapeln à hundert Stück in Antiquariaten und Kaufhäusern herumliegen und zum Zugreifen einladen, läuft zur Zufriedenheit: Kochbücher, allgemeine Ratgeber, Bild- und Kunstbände, Geschichtsbücher und Biographien, Wörterbücher, „bis auf Belletristik trauen wir uns an alles ran“: Da sind die Taschenbücher eine zu starke Konkurrenz.

Wie aber schafft es Pawlak, seine Sonderausgaben für wenig Geld zu verkaufen und trotzdem zu verdienen? Zunächst einmal zahlen die Großantiquariate kein Autorenhonorar. Sie beschäftigen keine Lektoren, keine Hersteller, sie haben keine Druckerei, meist auch keine Auslieferung, keine eigenen Lagerhallen, keine Übersetzer. Der Verlag investiert nichts in die Förderung von Autoren, hat keinerlei Ehrgeiz, den Buchmarkt mit Innovationen anzuregen. Demzufolge besteht zwischen den Großantiquariaten und den „ordentlichen“ Verlagen auch eine Art Haßliebe. Nach Meinung der „richtigen“ Verlage überschwemmen die Großantiquariate den Markt mit billigen Sonderausgaben und ziehen so die Käufer von den „ordentlich gemachten“ Büchern ab.

Daß die Verlage diese zum Teil doch recht lukrativen Geschäfte mit Restposten und Sonderausgaben nicht selbst machen, liegt an den besseren Vertriebsmöglichkeiten der Großantiquariate, deren Vertreter mehrmals wöchentlich die Buchhandlungen mit Neuem überrennen können, die bessere Kontakte zu Billig-Druckereien im Ausland haben, die mehr aufs Geschäfte- denn aufs Büchermachen ausgerichtet sind und deshalb schneller und flexibler arbeiten können. „Wir sind eine starke Vertriebsmannschaft, weniger stark im Aufbau eines Buches“, sagt Pawlak, der mit der Entstehung eines Titels nichts zu tun hat.

Manfred Pawlak gesteht mit dem angespannten Druck des stets Beschäftigten: „Zum Lesen habe ich gar keine Zeit.“ Ständig ist er unterwegs, um von den Verlagen Lizenzen einzukaufen. Diese Lizenzen bekommt er nur von Büchern, die bereits vergriffen sind, die im Verzeichnis der lieferbaren Bücher nicht mehr aufgeführt sind. Parallelausgaben zur Verlagsausgabe darf es nicht geben. Natürlich bekommt er nicht sofort alles, was er möchte, „aber es gibt irgendwo ’ne Grenze, da fällt jeder Verleger um. Wenn ich ihm eine Auflage von 5000 anbiete, vielleicht nicht, bei 100 000 aber sicher ja.“ Denn der Erst-Verlag wird prozentual noch am Verkauf jedes Exemplars beteiligt. Was für Autoren und Übersetzer dann dabei herauskommt? Viel wird es nicht sein, denn die Großantiquariate kalkulieren hart Mit dem Lizenzvertrag werden die druckfertigen Unterlagen verkauft, Filme und Lithos, mit denen der Großantiquar nun in Ungarn, Singapur oder Hongkong – billig, billig – seine Sonderausgaben drucken läßt. Fast schon überflüssig zu erwähnen, daß diese Sonderausgaben natürlich keiner Preisbindung unterliegen.

Pawlaks Kontakte zu den Warenhäusern öffnen ihm allein 400 Verkaufsstellen. 3000 moderne Antiquariatsbuchhandlungen kommen hinzu, in denen er „Bücher für Sie, zu Preisen wie nie“ anbieten kann. „Die Käufer meiner Bücher wollen meistens nichts Bestimmtes. Die wühlen und lassen sich vom Angebot anmachen.“ Denn erfahren, was es im Moment eigentlich alles gibt auf dem Markt der Sonderausgaben, das kann man eigentlich nirgendwo. Verzeichnisse darüber gibt es nicht. So finden sich unter Pawlaks 25 Mitarbeitern auch keine feinsinnigen Lektoren, sondern Werbeleiter und Vertriebsleiter. Solcherlei Buchangebote leben von der Werbung, von Streuprospekten in Tageszeitungen.