Das Kloster, das Regisseur Norman Jewison in „Agnes – Engel im Feuer“ (Originaltitel: „Agnes of God“) zeigt, ist kein Ort der Besinnung und Einkehr, keine letzte Zufluchtsstätte des Unbegreiflichen. Auch kein Platz, um hinter der frommen Fassade Intrigen und irdischer Völlerei der Ordensleute begegnen zu können.

Nur Verzweiflung herrscht hier, die routinierte Verzweiflung eines trägen Alltags, der die Lebenslügen versteckt und die Ängste erstickt.

Einmal erhellen sich allerdings die Gesichter der Nonnen freudig. Sie stehen am Totenbett von Schwester Marguerite. Sie singen von der himmlischen Herrlichkeit. Die Greisin atmet schwer und friedlich. Sie liegt im Totenhemd, den Rosenkranz um die gefalteten Hände geschlungen. Mutter Miriam, die Äbtissin, lächelt zuversichtlich. In den Gesang der Nonnen dringt verhaltener Jubel. Jede Spur von Trauer fehlt, es bedarf keines Trostes. Der Tod ist die einzige Befreiung, der sie vertrauen.

Im Hintergrund steht die Novizin Agnes in ihrer weißen Tracht und beobachtet furchtsam, wie die Schwestern in seliger Hoffnung das Sterben erwarten. Noch einmal haucht Schwester Marguerite ein Wort. Niemand versteht es. Doch Agnes ahnt, daß ihr die urgroßmütterliche Freundin in ihrem letzten Augenblick anvertraut, daß dieser Tod keine Erlösung ist und daß ihr ganzes Leben Betrug war.

Agnes bringt ein Kind zur Welt, allein, in ihrer nächtlichen Zelle. Die Schwestern finden sie blutüberströmt neben dem erwürgten Säugling. Agnes ist erfüllt von unschuldiger Naivität; in ihrer kindlichen Anmut gleicht sie einer Raffael-Madonna. Zeugung, Geburt und Mutterschaft hat sie vollkommen verdrängt. Sie glaubt tatsächlich voll Inbrunst an all das, woran sich die älteren Nonnen in ihrem Glauben nur verzweifelt klammern können. Sie sei eine Heilige, behauptet die Äbtissin. Sie sei von Gott auserwählt und ihr Kind komme von Gott. Mutter Miriam, selbst zweifache Mutter und erst spät in ihrem Leben in das Kloster eingetreten, sieht in dem jungen Mädchen ein Spiegelbild ihrer Sehnsucht. Agnes hat sich dem Glauben so zweifellos hingegeben, daß ihr gottergebenes Leben keinerlei Selbstverleugnung verlangt.

Die Justiz bestellt eine Psychiaterin, die ohne großes Aufheben die vermeintliche Kindsmörderin für unzurechnungsfähig erklären soll. Weder Behörde noch Kirchenapparat sind daran interessiert, daß die peinliche Affäre öffentliches Aufsehen erregt. Doch auch die Gerichtsgutachterin gerät in den Bann des klösterlichen Mikrokosmos: Sie will Agnes retten und von ihrem religiösen Wahn befreien.

Mutter Miriam glaubt an das Unerforschliche. Die Psychiaterin weiß um das Unbewußte. Beide Frauen beginnen einen zähen Kampf gegeneinander – und um Agnes, die sie zur Tochter begehren. Dem Mutter/Tochter-Verhältnis des Ordenslebens begegnet die Psychiaterin mit einem therapeutischen Experiment: Sie zwingt Agnes, in ihr die leibliche Mutter zu sehen, die dem Kind von klein auf tiefe Abscheu vor ihrer eigenen Körperlichkeit eingeflößt hat.