Eine Katze, im Kampf mit einem Hahn, ist in einen Gully gefallen, um den sich eine Menschengruppe gebildet hat. „Das ist entsetzlich“, sagte die Hure. „Das arme Vieh! Ich will das nicht sehen.“ Sie verbarg ihr Gesicht hinter den Händen. Einer der Zuhälter reichte ihr höflich eine Zeitung, in der zu lesen war: Dresden kleingebombt, mindestens hundertzwanzigtausend Tote. „Die Menschen“, sagte die Katzenmutti, die die Schlagzeile las, „sind nichts, das macht mir nichts aus, aber ich kann kein Tier leiden sehen.“

Diese Provokation, in einer Geschichte des französischen Schriftstellers Boris Vian unverblümt ausgesprochen, wirft – für mich – grundsätzliche Fragen auf: Wer leidet, wenn eine Kreatur leidet? und, damit zusammenhängend: Wieviel Heuchelei hängt im kollektiven Mitleid? Boris Vian, der in „13 unanständigen Geschichten“ diese und eine Reihe anderer Konstellationen zwischen Tätern und Opfern, Mittätern und Mitopfern variiert, ist ein hierzulande fast unbekannter Autor, der es verdiente, ins Bewußtsein gerückt zu werden. Er ist einer von denen, der ohne Scheu vor Verfolgung und gesellschaftlicher Diffamierung, die Bettdecke lüftet, unter der der Mief und Muff, aber auch die verbrecherischen Sexualtabus kleinbürgerlicher Moralität verborgen sind.

Boris Vian, Ingenieur, Schauspieler, Übersetzer, spielte mit seinen Freunden Paul Vernon und Joe Sullivan Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre Jazztrompete bei Claude Abadie; als Vernon Sullivan publizierte er den Roman „Ich werde auf euere Gräber spucken“, der zum öffentlichen Skandal wurde: eine Wette war gewonnen, ein gesellschaftskritisches Exempel statuiert, ein Schriftsteller entdeckt. Bis zu seinem Tod (1959, im Alter von neununddreißig Jahren) ist er nicht müde geworden, anzuschreiben gegen seine Kritiker, die, von allerlei anagrammatischen und polemischen Versteckspielen des Autors geprellt und verärgert, sein Werk zu inkriminieren suchten: Zensur, Prozesse, Strafen waren die Folge; bei uns die Zeit der „sauberen Leinwand“, der Attacken gegen „Schmutz und Schund“.

Die Katze, von der Vian erzählt, ist ein Kater, er wird aus dem Gullyloch gerettet, er bedankt sich, er schwadroniert aus seinem Leben, er ist ein Kater, der sprechen kann. „Ich kam aus Lyon“, erzählt er, „wo ich mit der Katze von Léon Plouc Kontakt aufgenommen hatte, die auch bei der Resistance mitmachte. Übrigens eine Katze auf der Höhe der Zeit, später ist sie von der Katzengestapo geholt und nach Buchenkatze deportiert worden.“ Täter-und-Opfer-Geschichten: Kain und Abel werden zu Claudel und Andre Gide, Dracula verwandelt sich in eine blutrünstige Drencula, drei nackte Skifahrerinnen killen einen Voyeur, eine enttäuschte Mutter lebt in wechselndem Konkubinat mit einem Erzbischof und einem Polizeikommissar: Boris Vian zahlt es den Vertretern der einschlägigen Institutionen heim.

Diese Geschichten, in Wagenbachs Taschenbücherei erschienen, sollten Appetit machen auf mehr Boris Vian. Seit einigen Jahren erscheinen seine Werke, von Klaus Völker herausgegeben, bei Zweitausendeins: Geschichten von der verführten, beleidigten, gequälten Kreatur und ihrer subtilen Rachen, vom ausgesetzten armen Schlucker, der noch das Unbestreitbare mit Skepsis verfolgt. „Der cartesianische Geist des Franzosen veranlaßt ihn dazu, das Vorhandensein eines dichten Nebels zu bezweifeln, selbst wenn dieser reicht, ihm die Sicht zu nehmen; und was man im Radio sagen mag, wird kaum seine Entscheidung dahingehend beeinflussen, daß er auf das Ungewöhnliche schließt.“

(Boris Vian: „Der Voyeur“, Dreizehn unanständige Geschichten, mit Zeichnungen von Siné, herausgegeben von Klaus Völker; Wagenbachs Taschenbücherei 123, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 1985; 144 S., 12,50 DM.)

Ludwig Hang