Von Rolf Ackermann

Esko Suvanta ist einer jener 800, die in der finnischen Provinz Ivalo noch mit Leib und Seele, auf Gedeih und Verderb den Pakt mit der Natur geschlossen haben. Poros, Rentiere, sind sein Leben. Sie waren es von Geburt an. Niemand in seiner Familie hatte den Knaben Esko gefragt, ob er das von Entbehrungen geprägte Dasein eines Poromiehet, eines Rentiermannes, zum Inhalt seines Lebens machen möchte oder nicht. Ein Rentiermann wird als solcher geboren, und er bleibt es auch.

So war es über Jahrtausende. Die Garstigkeit der arktischen Natur läßt kaum Spielraum für berufliche Träume. Und sie offeriert den wenigen Menschen, die dem ungleichen Kräftespiel zwischen Kälte und Wärme die Stirn bieten, kaum Alternativen. Urbanisierende Bauern haben hier keine Lebensbasis. Nur fünf, höchstens sechs Monate des Jahres taut das Land auf, verzaubert sich zu einem kolorierten Naturschauspiel. Übermut prägt in dieser Zeit jegliches Leben.

Doch der Frühling ist halbherzig, teilt sich die Wärme zu gleichen Teilen mit dem fliegengeplagten Sommer und dem milden Herbst. Sechs Monate Rekonvaleszenz: Das reicht zum Atemholen, für eine Weizen- oder Haferernte aber reichen diese Monate nicht. Die Tomaten werden selten rot, und die Kartoffeln sind im Herbst kaum größer als Eskos Nase. Wer die Scholle pflügen will, geht in den Süden Finnlands.

Eskos Leben aber ist untrennbar verbunden mit den Rentieren, die scheinbar mühelos der arktischen Kälte trotzen. Bei 40 Grad minus sterben den Menschen schnell Nasen ab, erfrieren Finger, Füße und hervorstehende Wangenknochen. Das Rentier aber lebt.

Eines dieser zottelig-eleganten und gleichsam kraftstrotzenden Tiere „ist für die nächsten acht Tage dein bester Freund“, so belehrt Esko. „Weißt du, da draußen ist der Mensch das schwächste Lebewesen: Du kannst erfrieren, verhungern, ertrinken oder aber vom Trübsinn eingeholt werden. Tiere verkraften die Stille, die Einsamkeit – der Mensch nicht. Da draußen, das ist nicht für die Menschen erschaffen worden!“

Während er „da draußen“ sagt und unter seiner fellbesetzten Kapuze heraus über die verschneiten Täler und vereisten Hügel blickt, ahnt man, daß er selbst schon diese Erfahrung gemacht hat. „Wirklich, ein Ren ist ein außergewöhnlicher Freund. Aber wehe, wenn du es da draußen verlierst, wenn es dich aus dem Schlitten schmeißt, weil du ihm nicht die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet hast. Dann bist du plötzlich ein recht kümmerliches Lebewesen. Während es mit deinen Nahrungsmitteln im Schlitten davonrast, dorthin, wo es glaubt, die Freiheit wiederzufinden, kriechst du ängstlich durch den Schnee in der Hoffnung, eine menschliche Ansiedlung zu finden. Nur: Da draußen gibt es kaum Menschen! So, hier hast du deinen neuen Freund – Ringo. Und denk daran, es ist ein Halbwilder!“