Von Grant Johnson

Es gehörte bis vor kurzem zum guten politischen Stil, bei der Erörterung der atomaren Bedrohung eine ernste Miene zu machen. Ob es um Abrüstungsverhandlungen, Overkill oder Fenster der Verwundbarkeit ging, es galt vor allem, nüchtern zu erscheinen. Und Politiker, egal welcher parteipolitischer oder ideologischer Schattierung, hatten angesichts der Gefahr, daß die Menschheit oder gar alles irdische Leben innerhalb von wenigen Stunden ausgelöscht werden könnte, besonders bedächtig zu sein. Ob sonst radikal oder reaktionär, die Politiker waren sich in der Stilfrage einig: man habe sich wertkonservativ und realistisch zu verhalten. Dies hat sich nun seit Beginn der Debatte um die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) geändert.

Ein amerikanischer Präsident verkündet, sogar für seine Berater überraschend, in einer Fernsehansprache ein nationales Verteidigungskonzept, das mit der bisherigen Doktrin radikal bricht, was er aber nicht – im Gegensatz etwa zu Kennedy 1962 im Hinblick auf die Mondlandung – als machbar, sondern als zu „erforschende“ Chance und „Traum“ darstellt. Er benutzt dabei Reizworte wie etwa „impotent“ und „obsolet“, die ungeeignet erscheinen, eine ohnehin lädierte und gereizte politische Gemeinde zur Besonnenheit zu rufen. Er benutzt solche Ausdrücke, um die wichtigste verteidigungspolitische Veränderung seit vierzig Jahren einzuleiten.

Gleichgültig auf welcher Seite man in der SDI-Debatte steht – es ist unbestreitbar, daß es Ronald Reagan gelungen ist, in bezug auf die atomare Bedrohung das Phantastische gesellschaftsfähig zu machen. Während es sich in den Jahren vor seiner historischen Rede einfach gehörte, Betroffenheit und Beklommenheit in diesem Zusammenhang zu signalisieren, herrscht jetzt eine positive Stimmung, und technologische Phantasie steht auf der Tagesordnung.

Die Wende zum Positiven – zur positiven Negativität – bedient sich ausdrücklich des Phantastischen. Auch dies positiv gewendet: Eine Zukunft wird heraufbeschworen, in der phantastische Waffen oder Gegenwaffen einen Schirm gegen atomaren Angriff bilden. Dies steht in den Sternen (und soll dort auch fliegen). Auf jeden Fall wird man heute aufgefordert, einen Vorgriff auf die technologische Zukunft zu unternehmen. Und sollte dieser Aufforderung kollektiv Folge geleistet werden, hätten wir es – gemessen an bisherigen Attitüden – mit einem Durchbruch des Phantastischen zu tun. Ein solcher Durchbruch ist im Sinne vieler Befürworter von SDI: Sie halten ihn eigentlich für längst überfällig.

Jeder sinnvolle Diskurs über SDI, überhaupt über Auf- oder Abrüstung im Zeitalter der Nuklearwaffen, muß grundsätzlich labile massenpsychologische Bedingungen zugrunde legen. Vor gut 40 Jahren wurde in der Wüste von Neu-Mexiko die erste Atombombe gezündet; einige Monate später wurde die Waffe zum ersten Mal eingesetzt. Wenige Tage danach erfolgte die bedingungslose Kapitulation des damaligen Feindes, das Ende eines Krieges, der Millionen Menschen vernichtet hatte, und es schien, als würde – bedingt durch den Alleinbesitz einer nie zuvor dagewesenen Vernichtungstechnologie – eine lange Periode unangefochtener, sich als aufgeklärt und großzügig verstehender amerikanischer Vorherrschaft anbrechen.

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