Von Hans Schueler

Bonn, im März

Es könnte sein, daß die Wende im Bonner Bestechungsprozeß gegen den ehemaligen Flick-Generalbevollmächtigten Eberhard von Brauchitsch und die beiden früheren Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff demnächst auf den 45. Verhandlungstag, den Donnerstag letzter Woche, zurückdatiert werden muß. Dies war der Tag, an dem Rudolf Diehl, einst Chefbuchhalter des Flick-Konzerns und Kronzeuge der Anklage, sich und seine berühmt-berüchtigten Spenden-Listen bis zur nahezu völligen Unglaubwürdigkeit entwertete. Er rückte davon ab, daß alle seine Eintragungen in der Liste hieb- und stichfest seien. Das Gericht, die Staatsanwälte, die Angeklagten und die Prozeßbeobachter in dem bis zum letzten Platz gefüllten Zuhörerraum wurden ihrerseits zu Zeugen einer Art Selbstverbrennung. Oder ging da ein Mann seinen Opfergang, weil er glaubte, ihn gehen zu müssen? Auch der Versuch des Vorsitzenden, Rudolf Diehl die Last von der Seele zu nehmen, indem er ihm verhieß, seine Aussage werde nicht prozeßentscheidend sein, lief ins Leere. Was immer aus der Anklage wegen Steuerhinterziehung werden mag – was den Vorwurf der Bestechlichkeit betrifft, ist (so scheint es) die meiste Luft raus.

Das Charakterbild des Kronzeugen hatte freilich von Anbeginn in der Geschichte der Spendenaffäre Flick geschwankt – oder vielmehr: Andere hatten es zum Schwanken gebracht. Der Konzernherr Friedrich Karl Flick, zunächst noch selbst als Beschuldigter vernommen, schilderte Rudolf Diehl als "übereifrigen Buchhalter", als "in hohem Maße steuerunehrlich" und "unglaubwürdig". Diehl habe "aus welchen Motiven auch immer" im Zusammenhang mit Entnahmen aus einer von ihm geführten Kasse "angeblich aufgeschnappte und kombinierte Namen eingetragen".

In dieselbe Kerbe hieb anfangs auch Eberhard von Brauchitsch, jahrelang unmittelbarer Vorgesetzten des Buchhalters mit Direktorentitel: Dessen Aufzeichnungen über inoffizielle Zahlungen an Politiker entbehrten jeder Grundlage und seien einzig und allein der Phantasie des Zeugen zuzuschreiben. Davon mußte Brauchitsch jedoch abgehen, nachdem die Ermittlungen ergeben hatten, daß in der überwiegenden Zahl der Fälle die in den Diehl-Listen und Quittungen aufgeführten Politikernamen mit denen übereinstimmten, die der Chef an eben dem Tag dem Buchhalter angegeben hatte, an dem er jeweils Bares in großen Scheinen von ihm zu Zwecken der politischen Landschaftspflege anforderte.

Die Anklage gegen Brauchitsch, Friderichs und Graf Lambsdorff gründet denn auch nicht allein auf den Diehl-Notizen. Zur kritischen Masse wurde das Material des Buchhalters erst durch seine teilweise fugenlose Übereinstimmung mit entsprechenden Eintragungen im Terminkalender des Flick-Generalbevollmächtigten. So ergab sich unter anderem, daß Brauchitsch sich laut Terminkalender in zwei Fällen jeweils an dem Tag mit Graf Lambsdorff getroffen hatte, an dem er aus Diehls Kasse laut dessen Vermerk einen hohen Bargeldbetrag "wg. Graf Lambsdorff" in Empfang nahm. Um eine Anklage schlüssig und ihre Erhebung auch notwendig zu machen, reichen solche Indizien allemal.

Die Ankläger brauchten die abfälligen Bemerkungen des Konzernherrn und seines Hausmeiers über die mangelnde Korrektheit des Buchhalters nicht allzu ernst zu nehmen. Denn Diehl herabzuwürdigen, lag zwangsläufig im Interesse der eigenen Verteidigung der Flick-Oberen. Kollegen Diehls aus der Bonner Flick-Lobby, die ihm nicht vorgesetzt waren, attestierten ihm hingegen von vornherein die Pedanterie des Buchhalters, wie er im Buche steht. So Walter Schmitz von der "politischen Stabsabteilung" des Konzerns: "Ich habe Herrn Diehl nicht nur für zuverlässig, sondern für übertrieben zuverlässig gehalten. Dies führte dazu, daß er hinter den Kollegen her telephonierte, um bei Zahlungen nicht nur den Verwendungszweck, sondern insbesondere auch den Namen herauszubekommen."