Von Helmut Schneider

Gelegentlich signierte er "Lovis Corinth pinxit", und es war sicher kein Zufall, daß er diese alte Form der Unterschrift einigen seiner bedeutenden Bildnisse, Figurenkompositionen und Stilleben vorbehielt, Arbeiten also, die große Auftritte des Malers Corinth bezeichneten. Der 1858 geborene Ostpreuße, der eine eher süddeutsch-barocke Natur hatte, wollte, wie Theodor Heuss es einmal formulierte, "einfach mit dem Farbigen fertig werden", alles übrige war dagegen zweitrangig. Die Inhalte seiner Bilder, die heute mitunter etwas überanstrengt wirken (das gilt besonders für seine Ausflüge in die Mythologie), waren ihm bis zu einem gewissen Grad gleichgültig, Anlässe nur, die ihm Gelegenheit verschafften, seinen malerischen Furor auszuleben.

Er hat durchaus auf Zeitströmungen reagiert. Er war ein Naturalist, der dem Pathos der Arme-Leute-Malerei mißtraute, und er war ein Symbolist, der allerdings nicht vor dem Schritt zurückschreckte, der vom Erhabenen zum Lächerlichen führt. Corinth trat als Salonmaler auf und als Sezessionskünstler, er malte impressionistisch und – in unverkennbar eigener Weise – expressionistisch, zu guter Letzt entpuppte er sich auch noch als Vorläufer des Tachismus. Fragen des Stils kümmerten ihn im Grunde wenig, deshalb handhabte er meist mehrere Stile gleichzeitig, ungeniert und frei von allem Purismus. Selbst in den Bildern, die ihm mißglückten (und das passierte gar nicht selten), ist seine unverwechselbare Handschrift spürbar – und darauf, auf den Corinth-touch, kam es diesem Individualisten an.

Corinth verkörperte eigentlich immer verschiedene Maler in einer Person, er war ein Schauspieler, der in mancherlei Rollen brillierte. Vor allem die Selbstbildnisse spiegeln seine Lust an der Verkleidung. Er trat als Bacchant, Bohèmien, Bürger auf – erst im Spätwerk tritt hinter der Maske die nackte Existenz hervor, das Gesicht eines von Krankheit Gezeichneten, der sich und anderen nichts mehr vorspielte.

Er war keineswegs ein Chamäleon und setzte bei all den Verwandlungen nie seine Identität aufs Spiel. Corinth war ein Künstler, der im Vertrauen auf sein Können seine Muskeln spielen ließ und so immer für eine Überraschung gut war. Er marschierte nicht an der Spitze des Fortschritts, er hat die Erfindungen der Avantgarde, falls er sie überhaupt wahrgenommen hat, nicht reflektiert. Er schuf sich seine eigene Moderne, die ihn zum Einzelgänger, wenn nicht zum Außenseiter stempelte. Bei seinem Tod im Jahr 1925 wirkte seine Kunst auf dem Hintergrund der damaligen Situation fremd und befremdlich.

Heute macht der unbekümmerte – und dabei keineswegs willkürliche – Umgang mit künstlerischen Mitteln, die er sich souverän anverwandelte, Corinth zu einer aufregenden Figur. Er besaß keine Theorie, an der sich seine Praxis ausrichtete, und er kannte nur ein Programm: Die Verwirklichung seiner Vorstellung von der sichtbaren Welt durch Malerei. Offenbar näherte er sich dem Gegenstand ohne vorgefaßte Meinung, überließ die Entscheidung der Stimmung und dem Augenblick, wartete auf den Appell des Gegenstands an ihn. Beim Malen identifizierte er sich in hohem Maße mit dem Thema. Wenn er das "homerische Gelächter", ausgelöst durch die Entdeckung von Mars und Venus, die in dem von Hephäst feingesponnenen Netz gefangen waren, als Offenbachiade inszenierte, versuchte er die Farbe zum Kichern zu bringen, und wenn er einen Akt malte, wollte er beim Betrachter über das Auge den Tastsinn aktivieren.

Die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, die für Corinth Freiheit bedeutete, die Freiheit, ganz er selbst zu sein, ist das eigentlich Faszinierende an der Malerei dieses Unorthodoxen. Die Retrospektive seines Werkes, die Zdenek Felix für das Museum Folkwang in Essen zusammengestellt hat und die nun von der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München übernommen worden ist, geht einen anderen Weg. Sie reiht die neunzig Gemälde – ein Quantum, das die Ausstellung überschaubar macht – in thematische Querschnitte ein. Und das war kein glücklicher Einfall, obschon er geeignet wäre, vorhandene Lücken zu verschleiern; denn der Gänsemarsch der Porträts, Akte, Landschaften und Stilleben ist weit weniger interessant als Corinths Virtuosität, hin und her zu springen, ohne sich im Grunde zu bewegen. Dabei wird nicht einmal richtig sichtbar, wie Corinth ein Handicap, nämlich die Behinderung nach einem Schlaganfall (1911), in heuristisch-pragmatischer Weise zu einem neuen Mittel seiner Kunst machte: Hinter der nervösen Fleckenmalerei seiner späten Jahre steht die Erfahrung der beim Malen zitternden, nicht mehr gänzlich kontrollierbaren Hand.

Die Ausstellung fragt nach der Aktualität Corinths in der Gegenwart, vermutet Parallelen zu der heutigen heftigen Malerei, die die Figur wiederentdeckt hat. Da gibt es sicherlich, auf den ersten Blick, Anknüpfungspunkte, bei näherem Hinsehen jedoch entdeckt man wenig Gemeinsames. Corinth zeigte eine Unbefangenheit im Umgang mit der Kunstgeschichte, die den Jungen meist fehlt. Er war ein selbstsicherer Ich-Schauspieler, der seinen Part stets prägte, und nicht einer, der sich erst während der Aufführung über seine Rolle klar wurde. Und er bewegte sich mit der Überlegenheit eines Spielers, der weiß, daß er die Trümpfe in der Hand hält, in seiner Malerei. Er war, alles in allem, der letzte der Malerfürsten. (Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung bis zum 31. März; Katalog 36 Mark)