Von Rudolf Herlt

Die Zeit drängt, wenn die düsteren Visionen des mexikanischen Finanzministers Jesus Silva Herzog nicht Wirklichkeit werden sollen. Der Vertreter des zweitgrößten Schuldnerlandes der Welt, als vernünftig und kooperationsbereit international geschätzt, sagte vor wenigen Wochen auf einer Konferenz über den Stand der Schuldenkrise: „Wir sehen uns wieder einer Notlage gegenüber. Und wenn wir nicht schnell und weise handeln, könnte der Sommer 1982 im Rückblick vergleichsweise als ruhige und friedliche Zeit erscheinen.“

Im August 1982 alarmierte die Schuldenkrise zum ersten Mal die internationale Finanzwelt. Am 20. August hatte Mexiko verkündet, daß es seine Schulden nicht wie vereinbart tilgen könne. Die Finanzwelt reagierte betroffen, besonders als sich herausstellte, daß Mexiko nicht das einzige Land mit Schuldenproblemen war. Im Grunde hatten ganz Lateinamerika sowie einige asiatische und afrikanische Länder ähnliche Schwierigkeiten. Damals ging die Angst um, das Weltfinanzsystem könnte zusammenbrechen.

Daß der besonnene Silva Anfang 1986 eine Entwicklung für möglich hält, die mehr Zündstoff birgt als die des Jahres 1982, muß bedenklich stimmen. Ohne Zweifel ist Mexiko als ölexportierendes Land vom Preisverfall beim Rohöl besonders hart getroffen. Alle Hoffnungen auf weitere Fortschritte im Land wurden damit über Nacht hinfällig.

Aber der Ölpreis allein rechtfertigt noch nicht die Sorgen der Mexikaner. Silva hat vor allem beklagt, daß im Zuge der Sanierungsprogramme, die der Internationale Währungsfonds (IWF) hochverschuldeten Entwicklungsländern verordnet hat, das Wachstum auf der Strecke geblieben ist.

Mexiko hat 1982 den strengen Sparkurs akzeptiert, der ihm vom IWF verschrieben worden war. Die Inflation wurde von 120 Prozent im Jahr 1982 auf 65 Prozent im Jahr 1985 gedrückt. Das Haushaltsdefizit sank von achtzehn auf neun Prozent des Sozialprodukts. Die Leistungsbilanz schloß 1981 mit einem Defizit von dreizehn Milliarden Dollar; in den Jahren 1983 und 1984 gab es schon Überschüsse, und 1985 war die außenwirtschaftliche Bilanz ungefähr im Gleichgewicht. Mexiko gilt als Musterland bei der Bewältigung der Schuldenkrise.

Aber es gab auch eine Kehrseite der Medaille: In Mexiko stieg in den vier Jahren von 1982 bis 1985 das Sozialprodukt, der Wert aller angebotenen Waren und Dienste, so gut wie gar nicht mehr. Das Pro-Kopf-Einkommen sank in der gleichen Zeit sogar um acht Prozent.